Agranulozytose

Diese Geschichte zu erzählen ist wie ein Kind auf die Welt bringen. Nicht, dass ich damit praktische Erfahrungen hätte – aber so schmerzhaft und gleichzeitig wie ein Wunder fühlt es sich für mich an. Das Wunder des (Über)Lebens.

Granulozyten sind weiße Blutkörperchen, eine Unterform der Leukozyten und gehören zu unserem Immunsystem. Ein gesunder Mensch hat davon zwischen 4400 und 11500 Zellen pro µl Blut in sich. Bei einer → Agranulozytose sinkt ihre Zahl auf einen Wert von unter 500 Zellen/µl Blut. In diesem Zustand hat der Körper keinerlei eigene Abwehrkräfte mehr, und solch ein “Immunsystemcrash” hätte mich beinahe mein Leben gekostet.

Es ist Anfang Juli 2010 und ich bin im Rheumazentrum Oberammergau, nachdem ich sechs Wochen zuvor meine Sprunggelenks-Endoprothese bekommen habe (→ OSG-TEP, Liebeserklärung). Die Übungen sind hart, der Muskelaufbau und die Mobilisierung tun weh. Mir wurde nach der Operation am 18.5.2010 Novaminsulfon als schmerzstillendes Mittel verordnet, mit dem Wirkstoff Metamizol in einer Dosis von 500 mg. Ursprünglich hätte ich 4x1 Tablette täglich nehmen dürfen, doch in der ruhigen Zeit zu Hause, zwischen der Entlassung aus dem Krankenhaus in Wertingen am 1.6.2010 und dem Beginn der Reha am 30.6.2010, brauchte ich maximal eine Tablette am Tag. Nun muss ich auf drei Tabletten erhöhen, damit ich die Reha durchstehe. Ich denke mir nicht viel dabei, denn ich liege ja immer noch unter dem maximal “erlaubten” Tagespensum.

Die Ärzte in Oberammergau sind etwas besorgt über meine Blutwerte. Jeder neu aufgenommene Patient wird einer Blutuntersuchung unterzogen und meine Leukozyten weisen nach der ersten Woche einen Wert von 2000 auf. Auch das beunruhigt mich nicht, denn im Februar 2010 waren sie schon einmal bei 2800. Mit → Leukopenien, also einer verminderten, aber noch nicht lebensbedrohlichen Anzahl von Leukozyten, hatte ich seit Beginn der Therapie mit Leflunomid immer wieder einmal zu tun. Zugegeben, kurz vor meiner OP lag der Wert bei 4000, doch ich schiebe den niedrigen Wert auf den Stress und die Belastung der Reha und versichere dem Arzt, dass ich mich gut fühle und alles in Ordnung ist. Am zweiten Wochenende im Juli besuchen mich meine Eltern und wir spazieren im Park herum. Ich bin wahnsinnig müde. Noch denke ich, auch das kommt von der Anstrengung hier oder ich habe mir einen leichten Infekt eingefangen, vielleicht ist eine Sommergrippe im Anflug? So schleppe ich mich noch zwei Tage durch die Mühlen der Reha. Beim Abendessen am Dienstag, 13.7.2010 merke ich dann, dass irgendetwas grundlegend mit mir überhaupt nicht mehr stimmt. Ich sitze mit den anderen Mitpatienten am Tisch und die Müdigkeit fühlt sich so bleiern an, zieht sich mich nach unten in einen Abgrund, gegen den ich mich kaum zu wehren vermag. Ich fühle mich, als würde ich gleich mit dem Gesicht auf das Vollkornbrot vor mir fallen und nie wieder aufwachen. Ich esse rasch auf, entschuldige mich und verziehe mich in mein Zimmer direkt ins Bett. Abends um halb acht.

Am Mittwochmorgen wache ich auf. Mein Kopf ist heiß und ich habe einen Ausschlag an den Armen und am Po. Ich melde mich auf der Krankenstation, bekomme Blut abgenommen und Fieber gemessen: Oha. 40,1° Celsius. Vorsorglich werde ich von sämtlichen Rehamaßnahmen befreit. Man gibt mir ein Antibiotikum und einige Glasflaschen Mineralwasser und ich soll viel davon trinken. Ein Liter Wasser senkt das Fieber um ein halbes Grad, lerne ich. Ich trinke viel und schlafe viel und verdämmere den Tag in meinem Bett.

Am Donnerstag geht mittags die Tür zu meinem Zimmer auf. Mir wird ein Mundschutz in die Hand gedrückt, ich soll ihn anziehen. Das Ergebnis meiner Blutuntersuchung ist da und alarmierend. Ich habe nur noch 400 Leukozyten. Der Krankenwagen sei unterwegs und wird mich ins Klinikum Garmisch-Partenkirchen bringen, auf die Innere Medizin. Dort werde ich weiterbehandelt, hier könne man nichts mehr für mich tun. Ich solle meinen Koffer und meine Habseligkeiten zusammenpacken, was ich mechanisch befolge, zitternd vor Fieber und Schüttelfrost. Geistesgegenwärtig rufe ich meinen Mann und meine Eltern an. Es ist inzwischen halb zwei. Ich erkläre ihnen nüchtern, was mit mir passiert ist, wo man mich hinbringt und dass ich mich von dort aus melde. Ich bin so überrumpelt und benebelt vom Fieber, dass ich nicht realisiere, was ich eigentlich gerade gesagt habe – was für eine Hiobsbotschaft das ist und welche Sorgen ich damit auslöse. Und dass ich keine Informationen habe, um sie zu beruhigen.

Garmisch-Partenkirchen. Wenn ich den Leuten erzähle, dass ich schon so lange Rheuma habe, denken viele, ich war bereits als Kind in Garmisch: im Deutschen Zentrum für Kinder- und Jugendrheumatologie. Doch dem ist nicht so, meine Eltern haben damals einen anderen Behandlungsweg gewählt → meine Vita. Und nun verschlägt es mich letzten Endes doch noch dorthin, nicht direkt wegen des Rheumas, aber weil es das nächstgelegene Krankenhaus ist, das für solch einen Notfall die nötige Ausrüstung hat.

Zwanzig Minuten später sind die Rettungshelfer da. Sie nehmen meinen Koffer, ich werde auf eine Krankenbare verfrachtet und durch die Gänge zum Krankenwagen geschoben. Mitpatienten stehen dort links und rechts Spalier, ich fühle mich beobachtet und spüre die Anspannung überall, doch kann ich keine Gesichter erkennen, sie nicht anblicken, alles geht so schnell. Die Fahrt im Krankenwagen ist mehr als unangenehm. Wir ruckeln rund 20 Kilometer durch die Alpen, ich habe Kopfweh vom Fieber, kann kaum die Augen aufhalten und mir wird schlecht von den vielen Kurven. Das Atmen durch den Mundschutz bringt noch mehr Wärme in mein Gesicht, aber er ist notwendig. Er ist die erste Maßnahme zur Vorbeugung einer Infektion, das verstehe ich später. Ich habe keine Abwehrkräfte – ich darf mich um Himmels willen bloß nirgendwo anstecken. Der Rettungshelfer, der die Fahrt über neben mir sitzt, versucht mich mit kleinen Witzen aufzumuntern und wachzuhalten. Ich fühle mich inzwischen so schwach und elend, dass ich beständig um mein Bewusstsein ringen muss. Die Schwärze zieht mit kräftigen Fingern von allen Seiten an mir.

Endlich kommen wir in Garmisch an. Alles, was ich spüre, ist kalt und hart. Im dünnen Krankenhaushemdchen friere ich erbärmlich. Man hat mich von meinen eigenen Klamotten befreit, damit ich mit so wenig wie möglich Keimquellen in Berührung komme. So quäle mich durch diverse Untersuchungen: mir wird nochmals Blut abgenommen, man tastet mich von oben bis unten ab, macht ein EKG, ein CT meines Brustkorbs, einen Ultraschall der Lungen und des Bauchraums – mit dem Kompliment, dass ich wirklich außergewöhnlich schöne Nieren habe, mit gerade genug Fettschicht, aber nicht zu viel – das sähe man selten heutzutage. Ich möchte heulen, will in ein Bett, liegen, schlafen und meine Ruhe, und muss doch lächeln. Sie meinen es ja gut mit mir und geben ihr Bestes, mir die ganzen Prozeduren unter den gegebenen Umständen so angenehm wie möglich zu machen. Der Stationsarzt befragt mich über meine aktuelle Therapie, um die möglichen Auslöser dieser allergischen Agranulozytose herauszufinden- mein Zustand hat nun offiziell eine Diagnose. Zunächst haben er und sein Team das Leflunomid in Verdacht. Als ich berichte, dass ich bereits seit 2006 ohne große Zwischenfälle gut damit zurechtkomme, nehmen sie das Metamizol ins Visier. Später werde ich auf dem Beipackzettel schwarz auf weiß nachlesen können, dass die Chance auf die unerwünschte Wirkung Agranulozytose bei Gabe von Metamizol bei 1:1.000.000 liegt. Eins zu einer Million. Ich bin “one in a million”.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, als es nichts mehr zu besprechen gibt und soweit alle mit den Untersuchungen zufrieden sind (mit der Tatsache der Durchführung, nicht unbedingt mit den Ergebnissen), rollt man mich schließlich im Krankenbett zu einem Zimmer – auf der Palliativstation. Wie bitte? Ich soll keine Angst haben, sagt die Schwester. Das bedeutet nichts Schlimmes, aber nur hier können sie sicher eine sogenannte Umkehrisolation vornehmen: mein Zimmer und alle Gegenstände darin werden desinfiziert, damit es um mich herum so steril wie nur irgend möglich ist. Jede Person, die das Zimmer betritt, muss vorher Schutzkleidung anziehen, bestehend aus einer Haube, Mundschutz, Latex-Handschuhen, einem grünen Kittel und Überzieher für die Schuhe. Alle Menschen um mich herum sind bereits so angezogen, das realisiere ich erst jetzt. Endlich ist das Zimmer vorbereitet und ich kann ein wenig verschnaufen.

Am Rande meines Bettes steht der Professor und erklärt den Behandlungsplan. Sämtliche Medikamente außer meiner Schilddrüsentablette werden abgesetzt. Ich erhalte zusätzliche Antibiotika und ein Eisenpräparat, weil ich eine Anämie habe (zu wenig rote Blutkörperchen). Dazu mehrere Infusionen mit Kochsalzlösung täglich und ich muss regelmäßig Fieber messen. Steigt es über 39°C soll ich die Schwester rufen, dann werden Fiebersenker in meine Venen getropft. Der Zugang wird jeden Tag neu gelegt werden, um keine Infektionen an der Einstichstelle heraufzubeschwören. Ich darf nur vollständig gekochte Nahrung zu mir nehmen, wegen der Keime. Täglich muss mein Zimmer, das ich zunächst nur zu weiteren Untersuchungen und nie ohne Mundschutz verlassen darf, desinfiziert und die Bettwäsche gewechselt werden. Ich soll dreimal am Tag in ein Gerät pusten, das durch meine Atemluft drei kleine Plastikkugeln nach oben tanzen lässt - um meine Lungen zu trainieren und so eine Lungenentzündung zu verhindern. Quantalan und Aktivkohle zum Trinken sollen den Resorptionskreislauf meiner Leflunomid-Basistherapie durchbrechen. Der Wirkstoff bildet ein Depot in meinem Körper und muss rasch ausgewaschen werden, damit es meine Abwehrkräfte nicht noch weiter unterdrückt. Doch das absolute Highlight ist die Spritze, die er nun aus dem Arztkittel zückt: Neulasta. Der Zauber-Wirkstoff darin heißt Pegfilgrastim 6 mg und soll mein Rückenmark anregen, damit es neue Leukozyten produziert und sich so mein Immunsystem wieder stabilisiert. Er witzelt, dass die Spritze einen vierstelligen Wert hat. Na, das soll wohl mein schwäbisches Unterbewusstsein stimulieren: Was viel kostet muss auch was taugen! Ein Pieks, aufmunternde Worte, eine Verabschiedung – und ich bekomme für eine Weile eine Verschnaufpause.

Was passiert hier eigentlich gerade? In all der Hektik, wie ein Reisekoffer auf dem Förderband von einer Station zur nächsten transportiert, konnte ich weder meine Eltern noch meinen Mann anrufen. Verzweifelt saßen sie vor dem Telefon, wie ich später erfahren soll. Meine Eltern beschlossen dann kurzerhand, nach Garmisch zu fahren. Besser vor Ort nach dem rechten sehen als untätig herumzusitzen. Mein Mann kann nicht von der Arbeit weg, aber ganz ehrlich: es geht mir so schlecht und ich will einfach meine Ruhe, und das letzte woran ich denke ist Besuch. Und dann öffnet sich die Zimmertür und meine Eltern kommen herein. Sie sehen wie grüne Marsmännchen aus. Draußen herrscht inzwischen eine Sommerhitze von über 30°C, der Schweiß läuft ihnen in die Handschuhe. Aber sie sind bei mir. Sie fahren von nun an jeden Nachmittag 195 Kilometer zu mir und abends 195 Kilometer zurück nach Hause, weil es das einzige ist, was sie tun können – für mich und um selbst nicht verrückt zu werden vor Sorge. Meine Mama reinigt jede Nacht einen meiner zwei verschwitzen Schlafanzüge in der Kochwäsche und bringt ihn mir am nächsten Tag wieder mit. Mein Mann telefoniert mit mir jeden Abend solange, bis ich einschlafen kann, nimmt sich ein Hotelzimmer in der Stadt und verbringt jeweils das ganze Wochenende bei mir.

  • Sie beruhigen mich, wenn ich Schmerzen habe.

Durch die zerkochte Nahrung und die vielen Infusionen habe ich Verdauungsprobleme bekommen, mein Bauch bläht sich immer weiter auf und ich kann nach ein paar Tagen kaum noch etwas zu mir nehmen. Die Aktivkohle verstopft mich zusätzlich und ich bekomme schließlich eine Fisur. Sie blutet immer noch ab und zu und erinnert mich noch heute an meine Zeit in Garmisch. Ich habe Angst, dass ich zu allem Übel auch noch künstlich ernährt werden muss und beschließe eigenmächtig, dass die Infusionen abgesetzt werden müssen – ich muss so oder so viel Wasser trinken und ja, das kann ich auch allein! Mit dem Aussetzen der Infusionen scheide ich sehr viel eingelagertes Wasser aus und kann wieder normal essen. Insgesamt verliere ich in diesen neun Tagen 5 Kilogramm Körpergewicht.

  • Sie reden mir gut zu, wenn ich verzweifelt bin und jede noch so kleine Tätigkeit wie ein unüberwindbarer Berg aussieht.

Mein Hals tut weh, weil sich meine Mandeln entzündet haben. Die Pusteln und Wunden auf meiner Haut machen jede Lage unbequem. Ich will das Quantalan nicht trinken und weine deshalb bitterlich, weil es wie Tapetenkleister aussieht und es mich vom künstlichen Orangen-Geschmack würgt. Zu oft spiele ich mit dem Gedanken, das widerliche Zeug einfach ins Klo zu schütten. Doch trotz meines Deliriums begreife ich, in was für einer bedrohlichen Situation ich bin und dass ich die Therapie unbedingt durchziehen muss. Und dass bitte, bitte kein Keim den Weg in meinen Körper findet, weil ich nichts habe, das ich ihm entgegensetzen könnte.

  • Sie sind da für mich im Moment meiner allergrößten Panik.

Jeden Tag wird mir Blut abgenommen, die Leukozyten werden genau beobachtet, auf jede kleinste Veränderung wird geachtet. Ich bin der Star der Station und habe die Aufmerksamkeit des gesamten Krankenhauses! Und nun geben meine Blutwerte neuen Anlass zur Sorge, denn die Entzündungswerte sind hoch. All die Untersuchungen am Aufnahmetag dienten auch dem Zweck, mögliche versteckte Entzündungsherde in meinem Körper zu finden, die mir zusätzlich gefährlich werden könnten. Sie hatten doch alles abgeklopft, gescannt und durchleuchtet, und dennoch habe ich einen hohen CRP-Wert. Es könnte noch die Herzklappe sein, eine versteckte Entzündung, die durch CT und Ultraschall des Thorax nicht eingefangen wird, weil man nicht hinter das Herz schauen kann - dies ginge nur mithilfe einer Magenspiegelung. Eine Magenspiegelung für die Herzklappe. Mit Schlauch. Bei vollem Bewusstsein. Der blanke Horror!

Ich habe schon im Beitrag → OSG-TEP erzählt, warum ich Intubieren so fürchte. Bei der Diagnosestellung 1986 war kein Kindertubus verfügbar und die Untersuchung wurde mit einem Erwachsenentubus gemacht. Ich war ein 10 Monate altes Kleinkind. Dieses Trauma, verbunden mit der Angst vor einer erneuten Verletzung meiner Speiseröhre, zusammen mit meinem allgemein desolaten und kraftlosen Zustand, keines klaren Gedankens mächtig und zu keiner rationalen Handlung fähig, lässt bei mir nun sämtliche Sicherungen durchbrennen. Ich jammere, ich schreie fast. Bettle meine Eltern an, ob man das nicht verhindern könne. Und dennoch weiß ich, dass es sein muss. Was wäre denn, wenn ich tatsächlich eine entzündete Herzklappe habe? Hallo Natascha, egal wie vernebelt du gerade bist: dein Herz brauchst du noch eine Weile. Einigermaßen gefasst und in mein Schicksal gefügt werde ich also am nächsten Morgen im Rollstuhl zur Magenspiegelung geschoben. Hätte man mir vorher bloß gesagt, dass ich eine Kurzzeitnarkose mit Propofol erhalten würde und als Schutz einen Beißring in Kindergröße – ich hätte mir sämtliche Sorgen und Tränen erspart. Das Ergebnis der Untersuchung? Eine tadellose, rosige Herzklappe ohne Entzündung. Woher kommt dann der erhöhte Wert? Das weiß keiner. Aber ich kann voller Stolz behaupten, nun wurde ich bis in den letzten Winkel meines Körpers unter die Lupe genommen!

Die Welt ist wie in Watte gepackt, fast unwirklich. Rückblickend sehe ich all diese Ereignisse wie durch Wolken oder ein vergilbtes Foto. Die Begebenheiten sind mehr ein diffuses Gefühl als eine glasklare Erinnerung. Einmal täglich kommt eine Physiotherapeutin, um mein Sprunggelenk durchzubewegen. Mir ist klar, durch meine unfreiwillige Bettruhe hier wird alles zunichte gemacht, was ich in Oberammergau bereits erreicht habe. Kraft habe ich kaum, aber ich gebe mein Bestes für mein neues Sprunggelenk. Eine liebe Schwester hat mein Bett so umgestellt, dass ich wenigstens aus dem Fenster schauen kann. Ich brauche nicht viel Unterhaltung, denn ich dämmere die meiste Zeit des Tages kräfteschonend vor mich hin. Mein Körper kämpft, mobilisiert alles, was er hat. Mit dem hohen Fieber versucht er mir zu helfen und gefährliche Keime abzukochen, bis das Neulasta wirkt und die eigene Immunabwehr wieder hochfährt. Ich bin im ständigen Fieberdelirium, schlafe immer wieder ein, wache auf und messe meine Temperatur, über 39°C, rufe die Schwester, bekomme die Fiebersenker, schwitze alles heraus und die Laken nass, bekomme sie gewechselt – so geht das Tag und Nacht, drei bis viermal. Meine einzige richtige “Freizeitbeschäftigung” ist, Stephen Kings Duma Key (Wahn) zu lesen. Dieses → Buch bedeutet mir bis heute die Welt.

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Stephen King – Duma Key / Wahn

Ich weiß von Anfang an – nein, wissen ist das falsche Wort: ich spüre eine tiefe Gewissheit in mir, ich komme hier wieder raus. Ich weiß nur nicht, wie lange es dauern würde. In Oberammergau hatte ich mir eine Postkarte gekauft. Darauf ist eine Schnecke abgebildet und der Spruch: “Lass dich nicht verunsichern. Langsam kommst du sicher ans Ziel.” Meine Leukozyten bewegen sich im Schneckentempo – aber sie steigen, ganz langsam, wie ihr auf dem Bild oben sehen könnt. Am Samstag, den 23.7.2010, fünf Tage nach der Einlieferung, bin ich mit meiner Laune am Boden angekommen. Ich habe keinen Bock mehr auf gar nichts – ich habe es alles so satt. Ich motze meine Eltern grundlos an, meine Schutzengel, die jeden Tag die Strapazen auf sich nehmen, um ein paar Stunden bei mir sein zu können, mir Kraft zu spenden und mich abzulenken. Ich bin so unleidlich und genervt, dass mein Papa irgendwann aufsteht und aus dem Zimmer geht, damit er kein böses Wort zu mir sagt. Und dann geht wieder einmal die Tür auf, der Professor streckt seinen in Schutzkleidung gepackten grünen Kopf in mein Zimmer und sagt, verkündet, jubiliert: “5800 Leukos. Wir haben sie über’m Berg.”

Ich habe meine Abwehrkräfte zurück. Und ich darf nun zum ersten Mal die Umkehrisolation ohne Mundschutz verlassen! Neben meinem Zimmer befindet sich ein Aufenthaltsraum. Dort sitze ich mit meiner Familie, esse frischen Sojajoghurt und er schmeckt wie Manna. Ein unglaublicher Genuss nach so vielen eintönigen Tagen mit Brot, zerkochtem Gemüse und Kartoffeln. Ab dem 24.7.2010 bin ich dann auch vollkommen fieberfrei. Meine Leukozyten steigen vor lauter Freude mit mir zwischenzeitlich auf einen Wert von über 10000, was eine normale Reaktion auf das Neulasta ist. Sie pendeln sich ein, meine übrigen Blutwerte sehen zufriedenstellend aus und am 27.7.2010 werde ich entlassen. Es ist nicht nur mein Namenstag. Ab diesem Jahr werde ich an diesem Tag, zusammen mit dem 18.5. und dem 18.12., einen zusätzlichen dritten Geburtstag feiern.

Als wir vom Parkplatz des Klinikums Garmisch-Partenkirchen fahren blicke ich nicht zurück. 11 Tage, 11 Nächte. Nichts wünsche ich mir nun sehnlicher als die Geborgenheit meines Zuhauses, meine gewohnte Umgebung. Doch ich habe im wahrsten Sinne des Wortes noch eine Rechnung mit Oberammergau offen und so legen wir dort einen Zwischenhalt ein. Zwei Dinge gingen unter, als ich Hals-über-Kopf abreisen musste: Mein Selbstbehalt für die Übernachtungen und die Bettdecke, die ich von zu Hause mit in die Reha brachte. Die Kosten bezahle ich, doch die Decke sei leider in der Wäscherei verschwunden, teilt man uns bedauernd mit. Es ist ärgerlich, aber es spielt keine wirkliche Rolle. Ich stehe hier, auf meinen eigenen Füßen, ich blicke in die Welt und atme. Ich lebe. Ich habe überlebt. Nur das ist wichtig.

Zurück in Illertissen und Ulm werden meine Rheumatologin und ich den Alarm-Grenzwert meiner Leukozyten neu definieren. Wir werden vereinbaren, dass sie nie mehr unter 2500 sinken dürfen. In meinem Notfallausweis wird stehen, dass man mir nie wieder Metamizol geben darf. Von August 2010 bis Januar 2011 werde ich 12,5 mg Kortison einnehmen, um einen Rheumaschub zu verhindern, bis ich wieder zu Kräften gekommen und stark genug für meine Basistherapie bin. Dr. Christ wird geschockt sein, als er von meiner Agranulozytose erfährt und sagen: “Ich habe mich Ihr Gelenk schon wieder ausbauen sehen.” Ich werde ambulant im Fitnessstudio weitertrainieren, die Zähne zusammenbeißen und aufholen, was ich an Beweglichkeit verloren habe. Ich werde das Leben mit neuen Augen sehen. Eine bisher unbekannte innere Stärke fühlen, die mich seitdem wie ein Schutzschild umgibt.

Ich bin unsagbar dankbar, jedem einzelnen dieser wunderbaren Menschen aus dem Rheumazentrum Oberammergau und dem Klinikum Garmisch-Partenkirchen. Durch ihr umsichtiges Handeln haben sie mein Leben bewahrt. Die Liebe zu meiner Familie und allen, die in dieser schweren Zeit für mich da waren, mich wieder aufgepäppelt haben, ist grenzenlos. Ich halte die Erinnerung in meinem Herzen lebendig und wach. Bewahren sie wie einen Schatz, denn sie macht auch heute noch etwas mit mir. Sie wirkt nach.

Ich habe in Garmisch meinen Überlebenswillen berührt. Er wird mir Frühjahr 2011 die Kraft geben, meine Arbeit in Ulm zu kündigen und den Neuanfang in Zürich zu wagen – weil es nichts gibt, wovor ich Angst haben muss. Weil das Leben ein Wunder ist, das von jetzt auf gleich vorbei sein kann, und jeder Moment zu einhundert Prozent gelebt werden will.