Alltagserlebnisse: im Bus.

Heute im Bus. Es ist Mittagszeit, brechend voll, kaum ein Platz noch frei. Ich entdecke einen verbliebenen Sitz an einer Viererbank. Ich manövriere einigermaßen elegant um die alte Dame mit Gehstock herum, die zur Innenseite des Busses sitzt, und nehme neben ihr am Fenster Platz (Alte Dame 1). Wir fahren eine Haltestelle, dann steigt eine weitere alte Dame mit verbundenem Auge und Gehstock zu (Alte Dame 2), sowie eine Oma mit ihrem Enkel.

Oma und Enkel setzen sich uns gegenüber. Alte Dame 2 blafft in Richtung Alte Dame 1, ob sie da hinsitzen könne, sie würde sich da leichter tun mit dem Aussteigen. Alte Dame 1 erhebt sich (!), setzt sich auf einen soeben freigewordenen Platz und blafft sarkatisch zurück: “Aber sicher doch, Sie haben hier ja Platz zum Liegen!”.

Alles läuft ziemlich hektisch ab. Neben mir sitzt nun Alte Dame 2, ruft mit immer noch aufgebrachter Stimme in Richtung Alte Dame 1: “Ich hatte ja gar nicht Sie gemeint, sondern das junge Fräulein da.” Alte Dame 1 erwidert nichts, hat wohl genug, schaut trotzig weg.

Ich werde hellhörig. Mein Puls beschleunigt sich. Angriff oder Flucht? Ich atme einmal tief durch.

“Sie meinen mich?” frage ich Alte Dame 2. “Ja", kommt es in patzigem, selbstgefälligen Tonfall zurück. Faszinierend, wieviel Emotion ein Mensch in so eine kurze Silbe legen kann. Oma und Enkel gegenüber gucken schon ganz betreten, wittern Zoff.

Ich hole nochmals tief Luft - Angriff! -, dann sage ich gefasst:

“Ich habe rheumatoide Arthritis und bin froh, wenn ich sitze. Auch, wenn man es mir nicht gleich ansieht, da bitte ich sie zu daran zu denken, dass man vielen Menschen nicht ansieht, was sie gerade durchmachen. Und außerdem, Sie hätten mich auch freundlich fragen können.”

Die Worte kommen mir in einem Atemzug über die Lippen. Um uns herum ist es still. Alte Dame 2 schaut mich nicht einmal an, obwohl ich sie direkt angesprochen und angesehen hatte. Kein Schnaufen, Räuspern oder ein anderer Laut der Verachtung ist zu hören. Absolute Stille. Ich höre nur noch mein Herz klopfen, das sich langsam beruhigt. Erfolgreich verteidigt.

So vergeht eine halbe Minute.

Die nächste Haltestelle kommt, Oma sagt zu ihrem Enkel: “Nun steigen wir gleich aus, steh bitte vorsichtig auf, dass du niemandem mit deinen Füßen weh tust, gell?”, schaut mich an, blickt mir durch meine Sonnebrille in die Augen. Ein kurzer stummer Moment des gegenseitigen Verstehens.

Eine Minute später mache auch ich mich zum Aussteigen bereit. Der Bus hält, ich stehe schon in der Tür, drehe mich nochmals zu Alte Dame 2 um.

“Tschüß”, sage ich und schaue sie an.
“Tschüß”, sagt sie.