Alltagserlebnisse: meine Augen.

In den Räumlichkeiten meiner Firma. Ich stehe im Frauen-WC vor dem Spiegel über dem Waschbecken und träufle mir Augentropfen auf die Bindehaut. Meinen inneren Augenwinkel zuhaltend, damit die Flüssigkeit nicht gleich wieder über den Tränenkanal abtransportiert wird, zähle ich bis sechzig. Hinter mir öffnet sich die Tür, meine Kollegin tritt aus der Toilettenkabine. “Geht es dir gut?” fragt sie. Ja, erwidere ich, ich habe nur gerade Augentropfen benutzt, ich habe eine chronische Augenentzündung. “Ach so, ja... Ich hab mich ja schon an deine roten Augen gewöhnt.” Eine mögliche Antwort bleibt mir bitter im Hals stecken.

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Es ist Abend und mein Liebster zappt durch's TV-Programm. Kanal. Schwarz. Kanal. Schwarz. Kanal. Könnten meine Augen schreien, sie würden es tun. Meine Fähigkeit, mich rasch von hell auf dunkel oder dunkel auf hell umzustellen, ist durch die Uveitis stark beeinträchtigt - auch wenn ich momentan keinen Schub habe. Ich schalte die Stehlampe an. Finde die richtigen Worte um zu beschreiben, was los ist. Später, als ich schon im Bett im dunklen Schlafzimmer liege, sagt er: “Mach mal bitte die Augen zu.” Erst dann drückt er den Lichtschalter.

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Feierabend. Zwielicht, als ich nochmals rausgehe, um einzukaufen. Ich habe Brötchen vergessen. Mit der Sonnenbrille auf der Nase stehe ich beim Bäcker. Die Verkäuferin schaut irritiert, ihre Augen versuchen, hinter die Fassade meiner braunen Gläser zu schauen. Wahrscheinlich fällt ihr auch die Zornesfalte zwischen meinen Augenbrauen auf, die immer dann entsteht, wenn das Licht meine Augen reizt - weil es diffus oder zu grell ist. Ungerührt bestelle ich.

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Mein Schatz und ich fahren die Landstraße von Illertissen zurück nach Ulm. Die Sonne geht langsam unter, sie blendet mich trotz Sonnenbrille. Der Sichtschutz innen an der Windschutzscheibe kann nur wenig Abhilfe schaffen. “Wie soll ich so jemals wieder abends Auto fahren?” geht mir durch den Kopf. Die Frage macht mich traurig.

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Ich sitze in meinem Elternhaus mit meiner Mama am Küchentisch. Wir unterhalten uns, der Rollladen des Küchenfensters ist halb heruntergelassen. Draußen scheint die Sonne. Mein Papa betritt die Küche, steuert auf das Fenster zu, lässt den Rollladen ganz hoch. Ich trage meine normale Brille, kneife unweigerlich die Augen zusammen. “Kannst du den Rollo bitte wieder runterlassen? Ich kann soviel Tageslicht nicht mehr vertragen.” Er tut es, doch ein bitterer Nachgeschmack bleibt. Ich weiß, für mein Umfeld sind meine Augengeschichten neu und schwierig. Meinem Körper sieht man die Krankheit schon nicht direkt an, meinen Augen noch weniger - trotz der leichten Rötung, die sie eigentlich immer haben. Langsam lerne ich, auch die Bedürfnisse zu äußern, die meine Uveitis hat. So, wie ich es mit über die Jahre mit meiner JIA gelernt habe.