Alltagserlebnisse: Schulzeit

Es ist irgendwann im Sommer 2003. Oder 2004. Oder es ist Herbst. Es spielt keine Rolle. In mir ist es düster, ganz unabhängig von der Jahreszeit, denn zwischen meiner angeblich besten Freundin und mir herrscht dicke Luft. Wir haben Zoff.

Worum es eigentlich geht haben wir beide vergessen, denke ich. Ein Eifersuchtsdrama, Cliquenbildung... vollkommen egal. Wir hassen uns einfach, aus heiterem Himmel, nach neun Jahren. Wir sitzen nur noch nebeneinander, weil es sich in bestimmten Klassenzimmern nicht vermeiden lässt. Dort, wo wir einander nicht ausweichen können, wie beispielsweise im Chemie- oder Biologiesaal.

Wir haben eine eiskalte Wand zwischen uns aufgebaut, die nur wir beide sehen können. Unsere Lehrer verdrehen die Augen, weil sie uns die Arbeitsblätter doppelt austeilen müssen. Wir weigern uns, die Aufgaben zusammen zu bearbeiten. Da sitzen wir also bei Frau Holzmann im Deutschkurs und grübeln über einer Interpretation. Atemschaukel, glaube ich.

Mein Atem schaukelt jedenfalls nicht, denn ich habe ihn angehalten. Gefahr liegt in der Luft, und Verrat. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie meine angeblich beste Freundin etwas schreibt, das nichts mit dem Unterrichtsstoff zu tun hat. Sie macht eine Liste auf einem linierten Papier, das sie aus ihrem College-Block gerissen hat. Notiert die Worte so, dass ich sie sehen muss, aber gerade so geschickt, dass ich auch denken kann, sie verheimlicht es vor mir. Aber sie will, dass ich es wahrnehme. Will, dass ich sehe, was sie tut. Dass sie meinen Namen darübergeschrieben hat. Mein Herz klopft wild, mein Verstand rast. So vergeht die Stunde, in der ich mich auf nichts anderes als diese handgeschriebenen Zeilen konzentrieren kann. Was hat sie getan?

In der Freistunde liegt ihr Eastpak-Rucksack im Aufenthaltsraum unserer Oberstufe. Der mit den durchgesessenen Poltermöbeln aus Spenden. Ich habe genau gesehen, wohin sie diese vermaledeite Liste gesteckt hat. Eben hat sie den Raum verlassen, um zur Toilette zu gehen. Oder rauchen, wohin auch immer. Meine Hand streckt sich wie von selbst aus. Was ich tue ist ebenfalls Verrat, ein nicht-wieder-gut-zu-machender Vertrauensmissbrauch. Aber ich muss es wissen.

Meine Finger ziehen am Papier. Meine Augen kontrollieren die Tür. Ich ziehe. Und falte auf. Die Überschrift: Was ich an Natascha finde. Auf dem Zettel steht:

- hat verkrüppelte Finger.