Gedanken

Viele Herzen schlagen in diesen Tagen in meiner Brust. Ich habe lange gezögert, ob ich überhaupt Stellung beziehen möchte zur aktuellen Lage, oder ob ich mich besser komplett raushalte. Was ich soeben geschrieben habe schrieb ich mir von der Seele, und es kommt aus meinem Herzen. 

…als Ehefrau, Tochter, Enkelin, Freundin, Nachbarin und Mitmensch.

Ich unterstütze #FlattenTheCurve: das Beste, was wir momentan für einander tun können ist, so wenig körperlichen Kontakt wie möglich zu haben. Social distance, aber nicht im Herzen – nicht, indem wir uns gegenseitig die Lebensmittel wegkaufen, und uns voreinander in unseren Häusern abschotten. Wir können unseren Austausch und den menschlichen Kontakt aufrechterhalten, uns gegenseitig Mut machen und zeigen, dass wir da sind – greift zum Telefon, macht die Videochats an – diese Möglichkeit, auch zur weltweiten Verständigung über ein Thema, ist das Geschenk unseres Jahrtausends.

…als Mensch mit einer rheumatischen Vorgeschichte.

Ja, nach Lehrbuch gehöre ich zur Risikogruppe, auch wenn ich mich selbst nicht mehr in diesem Licht betrachte. Ich habe eine Agranulozytose überlebt – und ich werde auch diesen Virus überleben. Ich bin froh, gegen Keuchhusten und Pneumokokken geimpft zu sein und gerade keine Medikamente zu nehmen, sodass meine Abwehrkräfte auf dem höchstmöglichen Level laufen. Doch der größte Schutz, den wir uns geben kommen, kommt von innen. Stress, Sorgen und Panik dämpfen unser Immunsystem, ziehen unsere Energie runter, machen uns anfällig. Es gilt, jeden Tag, jeden Moment, in die Zuversicht zu kommen, und den Mut und die Hoffnung nicht zu verlieren.

…als Mitglied der Rheuma Liga und Gruppensprecherin der Jungrheumatiker Ulm.

Wir pausieren sämtliche Gesprächsgruppen und nach Möglichkeit auch alle Funktionstrainings, um damit Menschen in Risikogruppen zu schützen. Das war eine kurzfristige Entscheidung unseres Sprecherrats, die wir gestern getroffen haben, denn die meisten in unseren Gruppen sind immunsupprimiert. Selbstverständlich hätte jeder für sich selbst entscheiden können, ob er zu den Treffen gegangen wäre. Ich bin jedoch bereit, diese Entscheidung für die gesamte Gruppe zu fällen und damit Sorge und Verantwortung zu tragen. Und ich glaube, vielen fällt ein Stein vom Herzen, dass ihnen die Entscheidung abgenommen wurde zwischen “Zeige ich Panik, wenn ich nicht hingehe?” oder “Soll ich mich schützen?”

…als Fan.

So traurig die Konzertabsagen sind – lasst uns nicht noch mehr Negativität erzeugen, lasst uns unseren Frust nicht bei den Veranstaltern und vor allem nicht bei den Künstlern und Bands abladen. Jeder ist in irgendeiner Form betroffen, jeder hat seinen eigenen Frust und seine Sorgen damit, direkt und indirekt. Es bringt gerade viele Leben durcheinander, und es bringt uns allen nichts, wenn wir Öl ins Feuer gießen. Wir können alle einander am besten helfen, wenn wir den Spirit hoch- und zusammenhalten, und gerade jetzt umso mehr Musik in unser Leben lassen. Music heals. Achten wir auf uns und aufeinander, und schöpfen wir Kraft aus der Vorfreude auf den Moment, an dem wir einander gesund und wohlauf wiedersehen.

…als Arbeitskollegin.

Nach drei Monaten voller intensiver Projekte und langen Arbeitstagen bin ich selbst ziemlich erschöpft und in vielen Momenten am Limit mit meiner Energie, und trotzdem muss es weitergehen. Ich schätze mich glücklich, dass ich bereits im Home Office arbeite, und damit flexibel bin. Wir werden Kollegen vertreten, die selbst krank werden, die sich um ihre Kinder oder Angehörigen kümmern müssen, oder aus anderen Gründen nicht arbeiten können. Wir werden Mehrarbeit in Kauf nehmen, wenn Firmen nun rasch Übersetzungen benötigen, und vielleicht auch einmal in der “Freizeit” am Schreibtisch sitzen, wenn es brennt. Was ist die Alternative – einander hängen lassen? Unterstützen wir uns, so gut es geht.

…als spiritueller Mensch.

Die Welt rückt zusammen. Zum ersten Mal in meinem noch so jungen Leben sehe ich, dass weltweit über ein Thema gesprochen wird, rasch gehandelt wird, und abseits aller Schreckensmeldungen so viel Gutes entsteht. Wir denken aneinander, wir beten für einander, wir hoffen das Beste für uns alle. Selbst wenn wir in ein paar Monaten feststellen, wir haben es übertrieben oder überreagiert – wenn es gut ausgeht (und was ein guter Ausgang ist darf jeder für sich definieren) war es richtig. Wir sind alle aus demselben Ursprung, bestehen alle aus denselben Elementen. Die Wahrnehmung unserer Körper, unserer Ländergrenzen und unserer Kulturen als etwas voneinander Getrenntes ist eine Illusion. Wir leben alle auf demselben Planeten, wo ein Schmetterlingsschlag auf der einen Seite einen Orkan auf der anderen Seite auslöst. Das ist die Chance dieses Virus – auch, wenn es so winzig ist, dass wir es mit blossen Augen nicht sehen können, fungiert es als Sichtbarmacher dieser Effekte. Und genau darauf dürfen wir uns in diesen Tagen besinnen, dass wir alle miteinander verbunden sind und einander beeinflussen, mit Angst wie mit Hoffnung. Wir können diese Energie des Miteinander und “Geht doch!” nutzen – für das Klima, den Weltfrieden und einen neuen Umgang unter den Menschen. We are all one.

(verfasst am 14.3.2020, aktualisiert am 15.3.2020)