Hab Geduld.

Die Symptome zeigen mir, wo ich hinschauen darf. Loslassen, Kontrolle abgeben, geduldig sein – das sind meine großen Lebensthemen, in denen ich noch so viel zu lernen habe. Und das Bezauberndste dabei: allem voran darf ich lernen, wie gesund sein überhaupt geht (-:

Einfach so zum Bus sprinten. Meinen Kopf ruckartig drehen, weil mich etwas neugierig macht. Schlafen ohne Aufbiss- und Lagerungsschiene. Wie es sich anfühlt, morgens den Rollladen hochzuziehen ohne zähe Fingergelenke. Coolpacks, Schmerzöl und entzündungshemmende Salben schon seit Monaten nicht mehr angerührt zu haben. Mit Messer und Gabel zu essen ohne Daumenschienen. Einen halben Tag lang beim Hecke schneiden zu helfen unter sengender Sonne.

Ich muss das alles nicht wieder erlernen, wie jemand, dem die Rheumasymptome später auf dem Lebensweg begegnet sind, sondern ich lerne es überhaupt erst! Erst. Jetzt! Ich habe mir so lange eingeredet, dass das nie wieder geht oder so viele Tätigkeiten “nix für mich” sind, dass es mir weh tut und schadet und ich dieses und jenes “als Rheumatikerin” tunlichst nicht tun soll. Ich habe mich in den von außen angenommenen und mir selbst auferlegten Grenzen “meiner Krankheit” verstrickt.

Heute geht so vieles einfach, als wäre es nie anders etwas gewesen. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür wurde mir am vergangenen Samstag geschenkt.

Ich war bei einem Auftritt von The Beauty of Gemina, ein Stehkonzert, rockig und energiegeladen. Mein erstes elektronisches Konzert mit ihnen erlebte ich vor drei Jahren in München, trug bereits seit sechs Jahren mein neues Sprunggelenk und war so stolz auf mich, dass ich ein komplettes Konzert durchtanzen konnte – etwas, das ich vorher nicht kannte und auch nicht für möglich gehalten habe. Daran musste ich am Samstag oft zurückdenken. Bei all den schönen Gesprächen und Begegnungen, in all unserer wunderbaren Ausgelassenheit und in all der großartigen Partystimmung hat es mich immer wieder tief in mich selbst hineingezogen. Diese kostbaren Momente, in denen Musik nicht nur meine Ohren trifft, sondern alles an mir. Die sich so anfühlen, als könnte ich mit jedem einzelnen Ton neue Energie einatmen, neu werden... Das ist unvergleichbar. Das ist das Mehr zwischen Himmel und Erde das wir nicht sehen. Es ist so viel Wunderbares in meinem Leben passiert und ich durfte mithilfe so vieler guter Geister und Wegbegleiter Stück für Stück gesünder werden, freier, ganz. Ich bin nicht mehr dieselbe. Am Samstag konnte ich tanzen, mich ohne Schmerzen bewegen und keinen Gedanken mehr daran verschwenden OB oder einen Zweifel darüber aufkommen lassen DASS ich tanzen und mich bewegen kann!

Das TBOG-Konzert im Eisenwerk in Frauenfeld am 9.11.2019 wird mir immer als das Konzert in Erinnerung bleiben, an dem ich absolut frei war.

Ich lasse den Gedanken los, dass es irgendetwas gibt, das ich nicht schaffen kann. Ich höre auf, alles unter Kontrolle haben zu wollen und gegen mich selbst zu kämpfen. Ich habe Geduld. Ich habe mein ganzes restliches Leben dafür Zeit. See you dancing in the light... Auf der anderen Seite des Tunnel of Pain wartet das Leben.