Impfen

9.9.2018
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Impfen spaltet die Gesellschaft, praktisch wie moralisch. Auch ich habe mein bisheriges Leben lang zusätzliche Impfungen abgelehnt - aus Angst vor einem neuen Rheumaschub. Zeit, mit diesem Mythos aufzuräumen.

April 1986. Ich war knapp drei Monate alt, da bekam ich beim Kinderarzt meine erste Grundimmunisierung, die wohl jedes Baby erhält: Polio, Diphtherie, Tetanus (Wundstarrkrampf) und Pertussis (Keuchhusten), sechs Wochen später die Auffrischung. Mein Basisschutz, sozusagen. Im August 1988 nochmals die Polio-, Diphtherie- und Tetanus-Impfung und das war's - weitere Immunisierungen wollten meine damaligen Ärzte nicht machen. Sie warnten meine Eltern davor, jede zusätzliche Impfung könne mein Immunsystem derart (über)fordern, dass ein neuer Krankheitsschub ausgelöst und meine JIA schlimmer wird. So lebte ich knapp 30 Jahre lang mit der Legende, mich auf keinen Fall jemals wieder impfen zu lassen. Zu groß war die Panik vor einem selbstverschuldeten Schub.

Rückblickend hatte ich wahnsinniges Glück. Ich bin in einer Erdgeschoßwohnung mit einem wundervollen Garten aufgewachsen und war bei jedem Wetter draußen, um dort zu spielen. Ich schnitt mich an Stachelbeersträuchern, meine Katze Tinka kratzte mich oft - meistens unabsichtlich, aber ich gebe zu, die treue Seele oft genug gereizt zu haben, sodass sie sich natürlicherweise wehrte. Ich fiel mit dem Fahrrad hin und schürfte mir die Knie auf. Ich versteckte mich im Kindergarten in den Hecken, wenn wir Märchen nachspielten. Es gab so viele Gelegenheiten, mit Tetanuserregern in Kontakt zu kommen, das lässt sich gar nicht zählen. Und dennoch blieb ich auf wundersame Art und Weise gesund und - abgesehen von Windpocken und Pfeifferschem Drüsenfieber - von schwereren Krankheiten verschont.

Nicht ohne einen falschen Stolz erzählte ich bei jeder passenden Gelegenheit meine Geschichte: dass ich für mein Rheuma ein Medikament nehme, das mein Immunsystem unterdrückt und ich damit ein erhöhtes Infektionsrisiko habe; dass ich nach meiner Grundimmunisierung, die eigentlich regelmäßig aufgefrischt werden muss, nicht mehr geimpft wurde; und dass mir trotzdem “nichts fehle”. Ein immunschwacher Mensch ohne Impfschutz? Wie krass - wie macht sie das? Ich fühlte mich stark, wenn meine Gesprächspartner ungläubig staunten. Als könnte ich mit meinem reinen Willen die Krankheiten von mir fernhalten.

Im Nachhinein erkenne ich, wie leichtsinnig ich war. Natürlich haben bis zu einer gewissen Reife meine Eltern für mich entschieden. Doch spätestens, als ich allein meine Termine bei Hausarzt und Rheumatologin meisterte, hätte ich mich besser informieren können. Meine Angst, durch eine Impfung einen neuen Schub heraufzubeschwören, war nicht nur unbegründet, sondern basierte schlichtweg auf Fehlinformationen. Es ist richtig, dass eine Impfung mit einem Lebendimpfstoff (abgeschwächte, aber lebende Erreger) das Immunsystem derart reizen kann, dass es überreagiert und das Rheuma zum Wiederaufflammen bringt - doch weiß man heute, dass diese Gefahr bei Totimpfstoffen ausgeschlossen ist. Diese enthalten ganze, abgetötete Erreger oder Bruchstücke davon und sind somit für immunschwache Menschen unbedenklich. Und sämtliche meiner bisherigen Impfungen waren Totimpfstoffe!

Mein grundsätzliches Umdenken begann im März 2017, als meine Therapie wegen der Uveitis angepasst werden musste. Ich wusste bereits, dass Biologicals mein Immunsystem weiter schwächen können und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, an einer bakteriellen Infektion zu erkranken. Im Therapie-Aufklärungsgespräch kam meine Rheumatologin besonders auf die Erreger namens Pneumokokken zu sprechen. Sie können unter anderem eine Lungen- oder Hirnhautentzündung auslösen, und im Vergleich zu gesunden Menschen besteht für Rheumakranke eine 2,6-mal höhere Ansteckungsgefahr. Gleichzeitig ist das Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung größer. Meine Rheumatologin redete mir daher ins Gewissen, meine Angst vor Impfungen über Bord zu werfen und mit einer entsprechenden Pneumokokken-Impfung vorzubeugen. Ich wand mich. Was sollte ich bloß tun? 30 Jahre lang hatte ich mich an keine Impfung herangetraut. Aber beging ich nicht wider besseres Wissen einen riesigen Fehler – ein Medikament, das mein Immunsystem unterdrückt und keine entsprechenden Vorkehrungsmaßnahmen?

Wenn wir Schmerzmittel nehmen müssen schlucken wir vorher Protonenpumpenhemmer (“Magenschutztabletten”), um uns vor Magenschmerzen zu schützen. Wir waschen uns die Hände nach dem Einkauf oder der Fahrt mit dem Bus, damit wir unser Immunsystem vor Keimen schützen. Wir halten unsere Krankheit mit Medikamenten in Schach und passen auf uns auf, managen aktiv unsere Gesundheit. Wir gehen regelmäßig zur ärztlichen Kontrolle, haben ausreichend Bewegung, eine zu unser Erkrankung passende Ernährung und vermeiden Stress - alles wunderbare Vorsorgemöglichkeiten für einen gesunden Lebensstil! Doch warum zögern wir bei Impfungen? Ich kann es mir nur so erklären, dass einfach viel zu viel gefährliches Halbwissen kursiert und uns alle unsicher macht.

In meinem Gewissenkonflikt sprach ich mit meiner Hausärztin. Sie konnte die Meinung meiner Rheumatologin bestätigen und erklärte mir ebenfalls nochmals in aller Sachlichkeit, dass ich mich vor Totimpfstoffen nicht zu fürchten brauche. Bevor ich mich allerdings an die Pneumokokken-Impfung wagte empfahl sie mir, die Dreifachimpfung Diphtherie, Tetanus und Pertussis aufzufrischen - was übrigens allgemein alle 10 Jahre gemacht werden sollte, da Totimpfstoffe im Gegensatz zu Lebendimpfstoffen nicht ein Leben lang halten. Ich ließ das Jahr 2017 verstreichen und vereinbarte einen Termin am 5.1.2018. Bis dahin würde ich mich überwunden haben, das sagte mir mein Bauchgefühl. Und darauf kann ich mich immer verlassen.

Ich ging mit einer positiven Einstellung zum Impftermin und redete der ängstlichen Natascha in mir immer wieder beruhigend zu, “mir wird nichts passieren, es wird mir guttun, ich werde danach stärker sein, ich bekomme keinen Schub!” Und so war es auch. Ich bekam die Spritze in den linken Oberarm und einen schönen neuen Stempel in meinem Impfpass, der sich sicher auch freute, nach 30 Jahren wieder einmal gebraucht worden zu sein (-: Zwei Tage lang hatte ich ein Ziehen im Arm, ähnlich wie Muskelkater, und danach verschwand es so plötzlich wie es gekommen war. Luftsprung!

Gestärkt durch diese Erfahrung traute ich mich dann am 18.7.2018 an Teil 1 der Pneumokokken-Impfung heran. Sechs bis acht Monate nach der ersten Impfung folgt eine weitere Impfung, weil immungeschwächte Menschen wie ich zweimal gegen Pneumokokken geimpft werden müssen. Eigentlich wollte ich das Projekt schon etwas früher angehen, bevor mich der Mut verlassen würde - doch kam mir im Juni ein undefinierbarer fiebriger Infekt dazwischen (siehe Blogartikel Kränkeln). Ihr solltet euch keinesfalls impfen lassen, wenn ihr euch nicht 100%ig gesund fühlt! Wenn ihr wie ich ein Biological spritzt ist es zudem wichtig, dass der Impfstoff zum Ende des Medikamenten-Zyklus verabreicht wird, d.h. ein paar Tage, bevor ihr das nächste Mal spritzen müsst.

Die Impfung selbst ging für mich nahezu ereignislos vor sich. Mein linker Arm war wieder dran - mit rechts bediene ich die Maus, deshalb - und dieses Mal hatte ich gar keine schmerzhaften Nachwirkungen. Nächstes Jahr im März werde ich dann also Teil 2 der Pneumokokken-Impfung antreten. Ich mache mir keine Sorgen mehr darüber, ob mir etwas Schlimmes zustoßen könnte - ich habe mich getraut und erlebt, dass ich nichts zu befürchten habe, wenn ich gut informiert und positiv an eine Impfung herangehe. Für mein seelisches Gleichgewicht bin ich froh, meine Angst überwunden zu haben. Und ich bin stolz darauf, dass ich für mich Sorge trage und vorsorge - mit einem einfachen Pieks. Denn unser unterdrücktes Immunsystem kann jede Hilfe brauchen.

Dieser Text entstand in bezahlter Zusammenarbeit mit Pfizer und dem Informationsportal Wirfuersimpfen.de.
Herzlichen Dank, dass ich als Botschafterin ein Teil davon sein darf!