Knochendichtemessung

Ich habe etwas Neues: ich habe Osteopenie. Das bedeutet, dass meine Knochenmasse vermindert und die Dichte meiner Knochen geringer ist, als es meinem tatsächlichen Alter entspricht. Diese Diagnose brachte mir die heutige Knochendichtemessung, von der ich im letzten Kortison-Tagebuch kurz gesprochen hatte. 

Nun werde ich nicht mit sachbuchartigen Fakten langweilen – ich überlasse es dem Dachverband der Osteoporose Selbsthilfegruppen, euch alles über die DXA-Methode einer Knochendichtemessung ausführlich und fundiert zusammenzufassen, und zwar hier. Ich würde das sonst einfach nur in meinen eigenen Worten widerkäuen, das will keiner lesen. (-: Lasst mich also lieber davon erzählen, wie mein “erstes Mal” war, wie ich mich nun mit dieser neuen Diagnose fühle und wie es weitergeht.

Es ist heute früh um 8 Uhr, als ich in der orthopädischen Gemeinschaftspraxis im Biberacher Ärztehaus ankomme. Mein Mann hat mich mit dem Auto in die Stadt gebracht, in meiner Hand liegt ein Thermobecher voll 330ml glücklich machenden Kaffees; ich bin wach, angezogen, kann einigermaßen klar denken; lasst die Spiele beginnen! Was für ein Abenteuer. Eine solche Untersuchung erlebe ich nun wirklich zum ersten Mal und es ist aufregend. Vor etwa 1 ½ Jahren hatte ich sie bereits geplant, doch musste ich damals den Termin aus gesundheitlichen Gründen absagen. Der heutige Termin klappt und war bereits telefonisch vereinbart, nachdem mir meine Rheumatologin Ende Februar die Überweisung herausgeschrieben hatte. Ich versuche, alles so bewusst wie möglich wahrzunehmen, um mich in einen Flow der Gelassenheit zu bringen: die kurze Irrfahrt mit dem Aufzug, bei der ich realisiere, dass E2 für Parkdeck 2, aber nicht für den zweiten Stock steht; die Überweisung, die kurz für Verwirrung sorgt, weil als Fachbereich Radiologie statt Orthopädie eingetragen ist; die außergewöhnliche Lichtwand im Wartezimmer, die eine sanfte Wärme verströmt und mich beruhigt.

Dann werde ich aufgerufen und von einer fürsorglichen jungen Dame in eine Art Umkleidekabine geführt. Darin stehen zur linken ein Tisch mit Monitor, davor ein einfacher Stuhl, zur rechten eine Patientenliege, überzogen mit violettem Kunststoff und darüber eine Art breiter Arm – das magische Gerät, das nachher meine Knochen scannen wird. Sie begrüßt mich, zieht den Vorhang zu und fragt kurz meine Daten ab: Name, Vorname, Gewicht, Größe, Geburtsdatum und ob ich Metall in der Wirbelsäule hätte, was ich verneine; meine OSG-TEP wird die Untersuchung nicht störend beieinflussen. Dann bittet sie mich, mich bis auf Socken und Unterhose meiner Kleidung zu entledigen. Ich stocke kurz. Erm, darauf war ich nicht vorbereitet. Sie fängt meine Verwirrung auf und fügt hinzu, nachdem ich den BH abgelegt hätte dürfe ich gerne wieder das Shirt drüberziehen. Zum Glück… das wäre sonst mächtig kalt und unangenehm geworden!

Damit ich so viel Informationen wie möglich bekomme lasse ich nicht unerwähnt, dass es sich hierbei um meine erste Knochendichtemessung handelt. Die junge Dame erklärt mir ganz offen, dass ich einer leichten Röntgenstrahlung ausgesetzt sein werde, die die Dichte meiner Lendenwirbelsäule (Untersuchung 1, die ersten fünf Minuten) und meines linken Hüftknochens (Untersuchung 2, die zweiten fünf Minuten) misst. Vergleichbar mit der Strahlung, als würde man einen Berg hochwandern, sagt sie. Wahrscheinlich, weil sich viele ihrer Patienten wegen der möglichen Auswirkungen einer derartigen Strahlenbelastung sorgen. Ich habe eher die Sorge, dass ich mich nicht genug entspannen kann, als ich mich auf der Liege ausstrecke, einen großen Kunststoffwürfel unter meine angewinkelten Beine und ein kleines Kissen unter den Kopf geschoben bekomme, alleingelassen werde – und dann geht es los.

Der Röntgenarm beginnt auf mittlerer Höhe meiner Oberschenkel, fährt langsam vor und erreicht meine unteren Rippen, dann bewegt er sich langsam in seine Ausgangsposition zurück. Nach den besagten fünf Minuten schaut die junge Dame wieder zu mir herein, kontrolliert den Monitor (die erste Untersuchung scheint geklappt zu haben) und bringt dann meine Beine für die zweiten Untersuchung “in Stellung”. Dafür holt sie eine Plexiglasplatte, worauf mit zwei weiteren Plexiglasplatten ein Dreieck gebildet ist. Sie platziert meine dieses Mal ausgestreckten Beine links und rechts dieses Dreiecks, dreht mein linkes Bein leicht nach innen und fixiert dann meinen Knöchel mit einem Klettband an der Konstruktion. “Dann müssen sie Ihr Bein nicht die ganze Zeit so halten und können es ablegen.”. Das ist gut gemeint, doch wirklich locker lassen kann ich nicht – immerhin bin ich teilweise gefesselt, was sagt man dazu! Wieder darf ich für mich sein, nur das Gerät und ich, absolut romantisch. Der Röntgenarm fährt dieses Mal etwas tiefer an meinen Hüften auf und ab. Als die Untersuchung endet erhasche ich für einen kurzen Augenblick das Röntgenbild meines linken Hüftknochens auf dem Monitor. Ich darf mich wieder anziehen und kurz im Wartezimmer Platz nehmen, während sie die Ergebnisse auswertet und ich sie im Anschluss mit dem Arzt besprechen darf. Ich trinke meinen Kaffee und harre der Dinge.

Es ist nun erst halb neun. Alles sehr effizient, schießt es mir durch den Kopf, dann wird mein Name aufgerufen. Die junge Dame meiner Untersuchungen führt mich in ein Sprechzimmer, Mantel und Rucksack darf ich gleich mitnehmen, so spare ich mir einen Weg. Wow! Man ist hier wirklich darauf bedacht, unnötige Aktionen zu vermeiden und schonend mit der Energie seiner Besucher umzugehen. Höchst sympathisch. Im Sprechzimmer nutze ich die Zeit, um meine Unterlagen zu sortieren. Ich lege meinen Rheumapass bereit, um vorbereitet zu sein, sollte der Arzt meine Medikamente oder andere Daten wissen wollen. Auch wenn ich eine wandelnde Enzyklopädie meiner eigenen Krankheitsgeschichte bin, in ungewohnten Situationen und bei neuen Ärzten habe ich gerne etwas Schriftliches vor mir, an dem ich mich festhalten kann.

Der Arzt betritt den Raum, in seiner linken Hand ein Blatt Papier, die rechte Hand reicht er mir zur Begrüßung und setzt sich. Er fragt mich zum Einstieg, aus welchem Grund die heutige Knochendichtemessung gemacht wurde, und ich berichte von der aktuellen Kortisontherapie und meiner Grunderkrankung. Diese Information genügt ihm, sodass er ohne Umschweife ans Eingemacht geht: das Ergebnis meiner Untersuchung lautet Osteopenie. Auf dem Blatt Papier sind die Daten festgehalten und er legt es nun so vor mich hin, dass ich das Gehörte auch mit eigenen Augen sehen kann. Blauer Kugelschreiber auf weißem Papier. Meinen Augen kann ich trauen.

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Der Arzt verliert keine unnötigen Worte, mit schwäbischer Sprachökonomie und völlig unaufgeregt erklärt er mir, was die Zahlen zu bedeuten haben. In meinem Alter müssten die beiden T-score Werte bei null sein. Die Werte, die ich aufweise, sind “gerade noch im Grenzbereich und müssen beobachtet werden”. Hm. Er kann sich vorstellen, dass diese Werte vor allem von meiner JIA herrühren, gegebenenfalls auch aus einer genetischen Veranlagung heraus. Das Kortison hält er nicht für ursächlich, zumal ich eingangs auch voller Stolz berichtet habe, in meinem Leben bisher nur zwei Kortisonphasen durchlaufen zu haben. Wie hoch mein Knochenalter dann im Vergleich zu meinen tatsächlichen Lenzen ist, das verrät er mir nicht. Und ich frage auch nicht nach, kann gar nicht so schlagfertig denken. Kaum Kortison und dennoch ausgelaugte Knochen – diese Tatsache muss ich erstmal verdauen.

Wir gehen meine Therapie durch: Vitamin D, eintausend internationale Einheiten? Check. Dazu Vitamin K2? Check. Magnesium und Calcium, auch wenn man sagt, dass künstlich zugeführtes Calcium nicht so gut vom Körper aufgenommen wird als über die Nahrung? Noch ein Check. Aktuelle Studien zeigen, dass Vitamin D für die Knochengesundheit wesentlich bedeutsamer ist als das Calcium, seiner Ansicht nach sind meine Supplemente also völlig in Ordnung so (uff…). Bewegung? Ja, ich gehe dreimal die Woche für eine Stunde walken. Sehr gut, sagt er und fügt hinzu, dass es absolut an der Zeit war, dass ich mich zur Untersuchung vorgestellt habe. Ich möge so weitermachen und in zwei Jahren nochmals zur nächsten Knochendichtemessung kommen. In meinem Alter, so die gute Nachricht, könne sich der Knochen auch wieder mineralisieren und aufbauen. Was kann ich sonst noch tun? Diese Frage muss ich noch stellen. Viel Bewegung an der frischen Luft, das sei das Allerwichtigste. Wir verabschieden uns.

Sogleich beherzige ich den zuletzt gehörten Vorschlag und laufe nach Hause, den Gigelberg hinauf. Unterwegs sehe ich Regenwürmer, die nach den Wolkengüssen heute Nacht ans Tageslicht gekrochen sind. Ich gehe vorsichtig um sie herum. Vorsichtig auch deshalb, weil ich weiß, was mit meinen Knochen los ist?

Das Ergebnis macht mich traurig. Meine letzten Blutwerte waren so gut wie noch nie, ich fühle mich körperlich unglaublich fit und kraftvoll – warum spiegeln das meine Knochen nicht wider? Die Frage kann mir vermutlich niemand beantworten. Einmal mehr gilt, es ist wie es ist. Grübeln hilft nicht. Das Ergebnis hat mich auf eine neue Schwachstelle in meinem Körper aufmerksam gemacht, für die ich Sorge tragen muss. Kein Anlass für blinde Panik, aber eine Chance, noch liebevoller mit meinen Knochen umzugehen. Es gibt viel Gutes, das ich mir tun kann: den Sport beibehalten, viel frische Luft tanken und mich knochengesund ernähren. Und aus diesem “Anstupser” einmal mehr noch mehr Achtsamkeit ziehen.