Kompass

Alle meine Schübe hatten ihren Grund und ihre Bedeutung. Vielleicht werde ich mich eines Tages an jeden einzelnen Auslöser meiner früheren Schübe erinnern, allem auf den Grund gehen, um mich noch besser zu verstehen. Das ist heute noch nicht wichtig, denn heute zählt der nächste Schritt auf dem Weg in die Heilung.

Wie ich heute mit meinen Entzündungen umgehe, wie ich auf natürliche Art aus dem Schub herauskomme, davon habe ich euch im → letzten Beitrag erzählt. Ich glaube daran, dass die Symptome Zeichen sind, wo ich nicht mehr in Verbindung mit mir stehe, mit dem was ich wirklich bin. Ich glaube daran, dass uns die Seele über den Körper zeigt, was genau nicht stimmt, und dass die Körperstelle, an der sich ein Symptom manifestiert, Symbolkraft für unser Leben hat.

Lasst mich euch das am Beispiel meiner Augenentzündungen aufdröseln.

Schübe sind Entzündungen und Entzündung bedeutet Krieg, eine aggressive Reaktion im Körper und die Zellen stehen in Flammen. Entzündungen entstehen, wenn etwas im Ungleichgewicht ist. Eine Entzündung, deren Ursache unbekannt ist, die also “mir nichts dir nichts” aus sich selbst kommt, wird auto-immun genannt und ist auto-aggressiv, aus sich selbst heraus gegen sich selbst gerichtet. Wie bei der Diagnose Uveitis und auch bei der idiopathischen Arthritis, wo idiopathisch bereits übersetzt “ein Leiden mit unbekannter Ursache” bedeutet. Die Diagnose “aggressive Form der Uveitis” stimmt an sich schon als Beschreibung der Symptome – denn das ist, wie sich die Entzündung geäußert hat, das, was ich durch den endzeitigen Schub im Dezember 2018 erfahren habe: pure Aggression in meinem linken Auge, Feuer und Schwert! Jedoch ist die Ursache dieser Entzündung der Schulmedizin weiterhin unbekannt. Es ist ein Versuch, etwas zu erklären, das mit dem rationalen Verstand unerklärlich ist.

Mein linkes Auge ist mein empfindsames Auge – mein Kompass, der mir zeigt, wo ich mich selbst stresse und nicht im Gleichgewicht bin mit mir. Es reagiert sofort auf meine Gefühlswelt, wird rot, die Sicht verschwimmt, ich bekomme mouches volantes. Das sind lose Hautfetzen aus dem Augeninneren, die im Glaskörper umherschwirren und wie Fussel vor allem herumschweben, worauf mein Blick fällt. Im Stress geraten wir in den survival mode, konzentrieren unsere Energie auf Flucht oder Kampf und werfen daher alles ab, was wir nicht für unser Überleben brauchen – auch Haare und Haut. Und auch im Auge. Damit mir buchstäblich vor Augen steht, was falsch läuft. Deutlicher kann mich mein Körper nicht unterstützen.

Ich bin ein sehr visuell orientierter Mensch und es ist mir wichtig zu sehen. Die Dinge klar zu sehen, Zusammenhänge zu sehen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Im berühmten Gedankenexperiment, welchen unserer fünf Sinne man am ehesten hergeben würde, würde ich das Augenlicht als vorletztes wählen (nur das Hören ist mir noch wichtiger als das Sehen). Ich sage oft, “das werde ich dann sehen” (anstatt “das werde ich dann wissen”) oder “das schau ich mir an“ (anstatt “ich kümmere mich darum”). Um mir etwas wirklich vorstellen zu können, vor meinem inneren Auge, muss ich es oft tatsächlich vor mir haben und betrachten können.


Unsere linke Gehirnhälfte steuert die rechte Körperseite, die für unseren Verstand steht; unsere rechte Gehirnhälfte steuert die linke Körperseite, die für die Gefühle steht. Somit ist das linke Auge unser emotionales Auge und Entzündungen im linken Auge werfen viele Assoziationen und Fragen auf:

Was will ich nicht sehen?
Warum kann ich nur mithilfe meines rechten Auges klar sehen?
Was bedeutet es, dass das rechte Auge entzündungsfrei geblieben ist?
Worüber bin ich mir nicht im Klaren? Was klärt sich noch?
Was verschwimmt mir vor den Augen?
Welche Gefühle sehe ich nicht klar? Welche Gefühle unterdrücke ich?
Wo habe ich Wut, die ich nicht sehen will? Was will ich nicht sehen, das mich wütend macht?
Bei welchem Thema kann ich mir selbst nicht in die Augen schauen?
Wo ist der blinde Fleck in meinem Leben, den ich nicht sehen will?
Bin ich emotional blind für ein bestimmtes Thema?
Wo habe ich meine emotionale Seite vernachlässigt?

Wir trauen uns oft nicht, tief in uns hineinzuschauen und uns auseinanderzusetzen mit unseren Dämonen, Schattenseiten und allem, was wir nicht an uns mögen. Aus Angst, wir könnten an dem, was hochkommt, zerbrechen und dass danach nichts mehr ist wie vorher. In einer Songzeile von Leonard Cohens Anthem heißt es: There’s a crack in everything – that’s how the light gets in. Nur durch die Risse in uns kann Licht hineinscheinen. Heilung entsteht, wenn wir Frieden schließen mit allem, was wir sind, was wir waren und was uns passiert ist. Wir können vor unserer Vergangenheit nicht davonlaufen und wir können sie auch nicht aus uns herausschneiden. Wir können sie verdrängen, aber sie wird immer da sein. Wir können sie liebevoll akzeptieren und Kraft schöpfen, indem wir die Dinge neu betrachten: aus meiner Vergangenheit wurde, was ich heute bin. Alles hat mich zu diesem Punkt in meinem Leben geführt.

Dieser endzeitige Uveitisschub zeigte mir, wie viel ich verdrängt habe. Ich wollte nicht sehen, dass mir mein Ego all die Jahre im Weg stand und dass ich oft blind war für meine Gefühle und meine Intuition. Die Kortison-Depression brachte dann endlich die nötige Energie in mir in Bewegung, um ins Tun zu kommen: mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, meinen inneren Baustellen und Blockaden. Und der Schub zeigte mir vor allem eines: ich habe ständig nur die Medikamente gewechselt, statt die Botschaft zu sehen, dass die Therapie, die ich mache, nur eine weitere Unterdrückung ist. Ich habe die Augenentzündungen trotz der Biologicals bekommen. Ich sollte diese Botschaft erhalten, komme was wolle.

Ich sehe die Dinge nun klarer (im Geiste und mit meinen beiden wundervollen Augen), tiefer, im größeren Zusammenhang. Ich lebe Ehrlichkeit zu mir selbst, mit allem Licht und allem Schatten in mir. Ich schaue dorthin, wo die Aggression gegen mich selbst ist, die mich immer wieder entzündet. Ich lege die Ungeduld ab, denn das wäre ein neuer Kampf, eine neue Wut, ein neuer Schub. Ich gehe nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern mit der Liebe im Herzen durch die Welt. Ich kann jederzeit neu wählen – auch, einen Schritt zurückzugehen und es anders zu versuchen. Ich rechtfertige mich nicht für mein Sein. Ich bin ich. Ich bin genug. Und ich werde gut zu mir sein – dieses Versprechen an mich selbst ist die Heilung meiner Seele, und mein Körper heilt danach in seinem Tempo.

Vielleicht zweifelt ihr daran, dass es diese Zusammenhänge gibt. Vielleicht möchtet ihr gerne vertrauen, doch es fällt euch schwer. Vielleicht sagt ihr euch, Natascha hatte einfach Glück, dass es so gekommen ist, dass alles Zufall ist, dass es mir nun besser geht. Vielleicht habt ihr Angst, dass ich mir etwas einrede, dass ihr euch selbst etwas einreden könntet und es doch schlimmer ist als ihr glaubtet, und ihr und ich es auf die leichte Schulter nehmen. Angst, dass der nächste Schub, der wirklich unbeherrschbar und zerstörerisch ist, schon hinter der nächsten Ecke lauert. Angst, dass man in das nächste Loch fällt, Angst vor meiner Trauer und Enttäuschung.

Auch in mir gibt es noch einen Anteil, der wider besseres Wissen mit meinem “Schicksal” hadert, ein Teil von mir der Angst hat. Wenn ich Schlieren sehe läuft die Gedankenmaschine auf Hochtouren: der Beginn der Verschlechterung meiner Sehkraft, eine neue Entzündung, ein neues Makulaödem. Blinde Panik. Es ist der Anteil in mir, der mich beschützen möchte. Der nicht möchte, dass ich leide, der nicht möchte, dass ich mir selbst wieder weh tue. Diesem Teil in mir fällt es schwer, die Augenentzündung zu akzeptieren. Er hat mehr Angst davor als vor einer Gelenkentzündung, denn diese kann ich besser kontrollieren und dabei kann weniger passieren! Da ist die Angst, zu erblinden, auch wenn es eine unnötige Angst ist. Im Schnitt heilt eine Entzündung, die da sein darf, nach neun Tagen aus, und ich habe erlebt, dass das stimmt.

Wovor habe ich also wirklich Angst? Dass ich mir selbst nicht genug vertraue, dass ich ins Gleichgewicht komme und nicht ständig neue Schübe produzieren muss. Dass ich mir selbst nicht genug vertraue, die Symptome loszulassen. Dass ich daran zweifle, dass ich bei den ersten kleinen Anzeichen schon gut auf mich selbst aufpassen kann, sodass mein Körper keine massiven Beschwerden zeigen muss, damit ich auf ihn höre. Dass ich mir selbst nicht genug vertraue, dass es ohne die Medikamente geht. Dass ich nicht einfach danebenstehen und loslassen kann. Dass ich nicht rauskomme aus dem Mich-Selbst-Stressen. Dass ich negativ denke und meine Lebensfreude verliere. Dass ich denke, ich schaffe es nicht, ich kann es nicht. Dass ich mir etwas vormache, dass all das nicht stimmt, was ich mir erzähle und dass ich mich nicht selbst heilen kann.

Diese Angst ist da, weil es eine völlig neue Art zu leben für mich ist. In der Angst liegt unser größtes Wachstumspotenzial, uns Dinge zu trauen, die wir bisher für unmöglich gehalten haben. Auch, wenn ich Angst habe, auch, wenn es mich alles kostet und gegen alles ist, was ich bisher erlebt habe, vertraue ich darauf, mir selbst zu vertrauen. Bisher habe ich nie losgelassen, habe es meinen Körper nie mit sich allein ausmachen lassen. Ich habe ihm nicht vertraut, dass er es alleine kann. Vertrauen erwächst aus Erfahrung, doch ohne Erfahrung braucht es Urvertrauen – das Vertrauen in das Leben, das wir mit auf die Welt bringen. Das uns sagt, dass wir sicher sind und geliebt, und dass wir nichts falsch machen können. Das Vertrauen in einer neuen, noch nie durchlebten Situation, dass alles gut wird. Ein Vertrauen wie damals, als ich einfach wusste, dass ich die → Agranulozytose überleben werde. Ein Vertrauen, das immer in mir war, immer ist und immer sein wird.

Vertrauen beginnt mit einem positiven Selbstgespräch
Hat es dir jemals etwas Gutes gebracht, wenn du dich runtermachst und kritisierst? Fang an, voller Liebe mit dir zu reden, dich selber in den Arm zu nehmen, deine Seele zu streicheln mit guten Gedanken und bestärkenden Affirmationen. Du weißt, dass das funktioniert. Und wenn es dir albern vorkommt, so what? Kannst du dir eine schönere Art vorstellen, mit dir selbst umzugehen?

Ich vertraue meinem Körper und dem Universum.
Die Schlieren werden solange da sein, wie ich meine und glaube sie noch zu brauchen.
Hinter den Schlieren sehe ich klar.
Hinter dem Vorhang ist Klarheit. Wenn der Schleier fällt erkenne ich alles.
Auch dieses Symptom geht vorbei.
Auch diese Entzündung klingt ab.
Die Entzündung dient mir so lange, bis ich die Lektion gelernt habe, die ich lernen wollte.
Mein Auge ist gesund. Mein Auge ist ein Wunder und der wertvollste Kompass, den ich habe.
Ich werde erkennen, was ich nicht sehen möchte, das mich wütend macht.
Ich werde erkennen, was mich innerlich so stresst, dass mein Auge Haut abstößt und Fusseln bildet.
Ich bin unendlich. Ich erschaffe meine Welt. Ich heile das.
Danke für diese Erfahrung.

Alles, was zählt, ist zu wissen wohin du gehen willst und alles auf dieses Ziel auszurichten. In diesem Bewusstsein wird es für alles, was auf deiner Reise passiert, eine Lösung geben. Ich möchte diesen Weg gehen und ich weiß, dass ich diesen Weg gehen werde. Ich habe das Rufen in mir und die tiefe Überzeugung spricht aus meinem Herzen, und das ist alles, was ich brauche. Ich weiß ganz sicher noch nicht, wie alles funktionieren wird, doch ich weiß, dass ich es lernen werde: learning by doing.

 Das Leben wird mich immer wieder testen, mich immer wieder beim Wort nehmen, 
 ob ich lebe was ich sage. 
 Ob ich das, zu dem ich mich berufen fühle, wirklich tun und leben will. 

Wenn meine Augen also eines Tages wieder gerötet sind, wenn ich eines Tages erneut Schlieren sehe, wenn Punkte vor meinem Gesichtsfeld tanzen, dann weiß ich auch: ich habe mir diese Situation erschaffen, um mich in ihr zu heilen. Wie könnte ich wissen, dass ich aus eigener Kraft aus der Entzündung herauskommen kann, wenn ich keine Entzündung habe an der ich es ausprobieren kann? Hier ist sie, meine Spielwiese! Alles in meinem Leben hat mit mir zu tun, sonst wäre es nicht in meinem Leben. Alles ist, weil ich bin. Warum sollte ich also wütend auf den Schub sein, der aus mir kommt – wütend auf meine eigene Schöpfung?

Das beste Rezept gegen Angst ist Liebe. Auch wenn ihr meine Entwicklung noch nicht versteht und den Worten, die ihr hier lest, noch keinen Glauben schenken könnt – dann glaubt einfach an meinen Glauben an mich selbst. Ich weiß, dass da dieser Anteil in euch ist, diese kleine Ecke in dir die versteht. Eine Energie, die mit mir schwingt und die dieses Verständnis fühlt, das tief in unserer menschlichen Natur verankert ist: dass das Leben immer für uns ist. Dass auch, wenn es unser rationaler Verstand nicht greifen kann, alles gut ist.

Hinter jedem Zweifel ist etwas in euch, das glauben möchte. Hinter jeder Angst steckt ein Anteil in euch, der lieben möchte. Kümmert euch um diese zarten Pflänzchen, und lasst sie erblühen.