Kortison

Da liegt diese Tablette auf meinem Nachtkästchen. Sie ist weiß, hat vier Kerben und enthält Prednisolon, ein Glucocorticoid, allgemein bekannt als “Kortison” oder auch: Albtraum. Gleichzeitig setze ich alle Hoffnungen in ihre Wirkung.

Ich habe momentan nur noch 10% Sehkraft auf meinem linken Auge. Diese niederschmetternde Diagnose wurde gestern in der Augenklinik Tübingen gestellt. Mein Makulaödem hat sich nicht zurückgebildet, im Gegenteil. Meine Uveitis nimmt leider einen sehr aggressiven Verlauf, der nur mit einer systemischen Kortison-Therapie aufgehalten werden kann - das bedeutet, Tabletten. Ein Implantat direkt im betroffenen Auge verträgt sich nicht mit meinem Rheuma und könnte einen grauen Star auslösen. Die kortisonhaltigen Augentropfen allein reichen nicht aus und meine neue Biological-Therapie mit Simponi ist noch zu frisch, um dass beurteilen kann, ob dieses Medikament allein gegen die Uveitis wirkt. Wir sind im Blindflug, wie meine Rheumatologin heute am Telefon sagte.

Gestern weinte ich mir fast die Augen aus dem Kopf vor Trauer, Angst und Zorn, denn ein Glucocorticoid zu nehmen ist für mich eine mittlere Katastrophe. 2010, bei meiner letzten und bisher einzigen Kortison-Phase, nahm ich 10% an Körpergewicht zu, lagerte sehr viel Wasser ein, bekam Pickel, Haarausfall und depressive Verstimmungen; ich fühlte mich ständig wie in der Bratpfanne; ich war abends aufgedreht, schlief schlecht und so wenig, dass der Schlafmangel mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt hat. Ich war nicht ich selbst und ich hasste mich und das Leben, das ich in diesem Zustand führen musste.

Und jetzt: Schnitt! Und stopp.

Ich werde aus der heutigen neuen Situation keine sich selbst erfüllende Prophezeiung machen. Ich denke an die positive Seite und daran, dass ich diese Hilfe wirklich bitter nötig habe, wenn ich nicht auf einem Auge erblinden will - Kortison ist niemandes Lieblingsmedikament, aber es wirkt einfach (danke Melanie!). Ich bin vorbereitet, weiß, wie ich meine Ernährung anpassen kann, welche Mineralstoffe und Vitamine helfen. Ich werde nach vorne schauen, den nächsten Monaten in die Augen sehen und bei der ein oder anderen Nebenwirkung ein Auge zudrücken. Es gibt so viele wunderbare bitter-süße Wortspiele, die zu meiner Situation passen, aber alle bedeuten im Grunde dasselbe: ich muss an mein Augenlicht denken und meine Sehkraft retten - auch, wenn ich damit ab und zu zum Werwolf werde.

Morgen um 6 Uhr geht es los. 50 mg für eine Woche. Es gibt sicher bald sehr viel zu erzählen.