Kortison-Tagebuch

Ich habe es geschafft – nach 10 intensiven Wochen habe ich seit Sonntag meine vorläufige Erhaltungsdosis von 5 mg erreicht! Was dachte ich noch im Dezember, wie es mir heute gehen würde, als ich voller Angst und Sorge den ersten Kortison-Beitrag schrieb? Was habe ich mir vorgestellt? Jedenfalls keinesfalls das, was und wie ich heute bin: glücklich, ausgeglichen und voller Stolz und Zuversicht, dass ich “es durchgezogen” habe. Das bleibt und ist der wahre, herzerfüllende Gefühlsmix, der hinter all den Stimmungsschwankungen liegt, die mich gerade durchschütteln.

Sie kosten sehr viel Kraft und sind oft beängstigend, oh ja, das volle Programm: dünnhäutig sein, von einer Sekunde auf die andere losheulen/davonlaufen/explodieren wollen, alles zu viel finden und mich als Opfer fühlen, niemanden sehen und von allen Menschen in Ruhe gelassen werden wollen, überfordert sein und neben mir stehen, um mich dann wieder plötzlich aus der Ferne zu beobachten und über mich selbst lachen können. Als würde mir all das nur übergestülpt bin ich mir ganz genau bewusst, in jedem dieser ätzenden Momente, dass das gar nicht ich bin. Und dennoch beeinflussen sie mich. Durch das Kortison spüre ich mehr, ich bin feinfühliger geworden und entdecke Gefühlswelten in mir in einer Intensität und Tiefe, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Das ist extrem abenteuerlich und großartig zugleich. Wer, wenn nicht ich, will ständig Neues entdecken und die Grenzen meiner Komfortzone beständig hinausschieben? Das tue ich gerade, auf der Überholspur! Unter den hohen Dosen trug ich zwar auch mein Päckchen, aber die Achterbahnfahrt war langsamer und weniger kurvig. Momentan fühlt es sich an, als hätte ich Entzugserscheinungen. Als müssten meine Nebennieren erst ihr eigenes Gleichgewicht wiederfinden, damit die Kortisonbilanz aus zugeführtem und selbst-hergestelltem Hormon wieder stimmt. Ich nehme Bachblüten und damit ist es leichter zu ertragen. Ich versuche, diese “Anfälle” durch mich hindurchrauschen zu lassen. Manchmal klappt es und ich beruhige mich wieder, ich kann mich stoppen; manchmal klappt es nicht und ich flippe aus. Auch das gehört dazu – ich schäme mich nicht dafür. So ist das wahre, rohe Leben. Life unedited.

What else is new? Meine Kopfhaut ist gerade so trocken, dass ich theoretisch nur einmal pro Woche die Haare waschen müsste... was ich praktisch aber nicht tue, da ich sonst aussehe wie eine explodierte Klobürste (und weil ich das BIG von Lush zu sehr liebe!). Mein Zahnfleisch spannt noch, doch auf das Pantoprazol kann ich fast vollständig verzichten, da sich meine Magenschleimhaut beruhigt hat. Die Pickelchen im Gesicht und im Nacken sind fast vollständig verschwunden und meine Haut “schuppt” sich insgesamt nicht mehr so sehr. Meine Gelenke spüre ich seit etwa 15 mg und abwärts deutlicher, aber noch ist es aushaltbar. Aktuell kommt noch die Pollenallergie dazu, die mir schon früher Gelenkschmerzen bereitet hat. Sie bringt das Immunsystem in Wallung und ich bin wetterfühliger geworden, außerdem mögen Augen den Blütenstaub ganz und gar nicht. Manchmal sehe ich verschwommen, die Bindehäute werden rot und es kratzt, als hätte ich Sandpapier unter den Lidern. Doch das erkrankte linke Auge ist immer noch stabil, ich sehe gefühlt 80% und nur darauf kommt es an; für alles andere gibt es Cetirizin.

Die Allergie hält mich auch nicht davon ab, den Frühling in allen seinen Facetten zu genießen. Jetzt, in einem Haus mit Garten, erlebe ich den Wechsel der Jahreszeiten ganz neu. Ich freue mich so sehr am Frühjahrsputz wie noch nie – eben auch, weil mir die Hausarbeit so gut wie keine Schmerzen macht und wenn, dann ist das eher Muskelkater... Ich bin voller Enerige! So kann ich voller Eigenlob (das nicht stinkt, sondern stolz macht) berichten, dass ich am vorletzten Wochenende Terrasse und Balkon auf Vordermann gebracht habe und nach getaner Arbeit draußen ein spätes Frühstück genießen konnte: mit Vogelzwitschern im Ohr, Schneeglöckchen und leuchtenden Krokussen vor den Augen, an denen sich schon die ersten Wildbienen laben. Herrlich! In solchen Momentan spüre ich die Wärme der Lebensfreude in mir und weiß, dass die Stimmungsschwankungen nichts weiter als Chemie sind. Ich habe so viel erreicht. Ich habe so unfassbar viel Schönes erlebt. Und ich habe gelernt, dass man nie von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen kann.

Was wir machen, wie wir in eine neue Situation gehen, wer wir darin sein wollen, liegt ganz allein in unserer Hand. Wir haben es in der Hand, buchstäblich. Machen wir stets das Beste daraus.