Liebesleben

Natascha fasst ein heißes Eisen an und das ist gut so. Let’s talk about sex, Baby. Warum ich das anspreche? Nicht, weil sich Menschen ohne Rheuma vorstellen, wir hätten aufgrund unserer Einschränkungen keinen Sex, sondern weil ich glaube, sie denken, wir hätten keine Probleme dabei. Dem ist nicht so und darüber möchte ich reden. Keine Tabus, okay?

Rheuma ist immer ein Thema, auch im Schlafzimmer – oder wo auch immer ihr es gerne tut (-:

Eine funktionierende Therapie ist die Voraussetzung, um das (Liebes)Leben überhaupt genießen zu können. Doch sind wir Menschen keine Maschinen, die auf Knopfdruck funktionieren, wie ihr aus meinen Blogbeiträgen gelernt habt. Egal, wie gut meine Medikamente eingestellt sind: es gibt immer Tage (und wird sie immer geben), an denen es mir schlecht geht, trotz aller guter Voraussetzungen. Und dann? Darüber zu schweigen, die Probleme zu ignorieren und “so tun als ob” macht es nur noch schlimmer. Es erhöht den Druck, die Unzufriedenheit mit sich selbst und der Beziehung, und infolge dessen die Schmerzen. Wer offen beschreiben kann, wie er sich fühlt, wird Verständnis ernten. Ehrlichkeit und Menschlichkeit festigen Beziehungen. Es gibt nichts, wovor man Angst haben muss. Wer wahrhaft liebt möchte immer, dass es dem anderen gut geht, und steckt somit auch einmal eigene Bedürfnisse zurück. Ich weiß, dass das möglich ist, denn ich lebe in einer solchen vertrauens-, liebe- und rücksichtsvollen Beziehung. Danke, mein Seelengefährte!

Reden ist das allerwichtigste Hilfsmittel, unabhängig sämtlicher Vorlieben.

Sex mit und trotz Rheuma braucht möglicherweise etwas mehr Vorbereitung und es gibt weniger Raum für Spontanität. Wobei, wenn alles passt? Dann stürzt euch aufeinander! Vielleicht wählt ihr einen Tag, an dem ihr wisst, dass die Medikamente wirken, wo es keine Verpflichtungen gibt und der Kopf frei ist. Aber gelten die letzten zwei Punkte nicht auch für gesunde Menschen? Ganz so unterschiedlich sind wir in unseren Wünschen also gar nicht. Wir stellen uns nur andere Gedanken rund um das Thema Sex: Soll ich meine Daumenschienen ablegen, weil ich ohne sie mehr spüre, oder weil sie abtörnend sind, für mich und den Partner/die Partnerin? Sind sie das Sinnbild meiner Krankheit, die im Bett nicht dazwischenfunken soll? Brauche ich meine Schwanenhalsringe oder stören sie eher? Soll ich vorher noch ein warmes Bad nehmen, damit ich entspannter bin? Ein Wärmekissen, eine Schmerztablette? Ja, es gibt Rheumis, die vorher Schmerzmittel einnehmen. Nicht, weil sie funktionieren wollen, sondern weil es ihnen nur so überhaupt möglich ist, intim zu werden. Und wenn sie es dann genießen können und noch tagelang von dieser positiven Erfahrung zehren – so what? Jeder findet seinen eigenen Weg und die Hauptsache ist, man fühlt sich wohl damit.

Den Kopf ausschalten, sich fallen lassen und hingeben, abheben, einfach nur sein, fühlen und erleben, von den Gefühlen weggetragen werden… für mich ist das einer der schönsten Aspekte!

Und doch reserviere ich eine kleine Ecke meiner Aufmerksamkeit dafür, wie es meinen Gelenken geht. Damit ich mich nicht über- oder falsch belaste, oder Bewegungen mache, für die ich noch Tage später “büßen” muss. Trotz all der guten Vorbereitung und Achtsamkeit ist das Leben nie vollständig planbar, Rheuma ist und bleibt unberechenbar. Ich hab‘ Lust und mich drauf gefreut, mich gut vorbereitet und dann kommt der Schmerz? Mund aufmachen, ansprechen – vielleicht wird es leichter und es klappt zu einem späteren Zeitpunkt. Ich bin mittendrin und die Schmerz- oder Ermüdungsattacke überfällt mich? Darüber reden und handeln – das tun, was es leichter macht, z.B. eine kurze Pause, eine kleine Dehn- oder Entspannungsübung. Keinem Drehbuch folgen und sich nicht quälen, weil es “so sein muss”. Auch einmal darüber lachen können, wenn etwas nicht so geht wie geplant. Den Moment genießen, kuscheln, sich nah sein. Zusammensein gibt so viel Kraft und das oberste Ziel ist, dass sich beide Partner wohl fühlen, ganz ohne Zwänge.

Wahres Liebesleben ist kein gescripteter Porno.