Medikamentenfrei

“Wie ist das so, ohne Medikamente – hast du dann jetzt gar keine Probleme, Symptome oder Schmerzen mehr?” Die Wahrheit ist: Doch. Die Wahrheit ist, das ist alles Neuland für mich. Und trotzdem habe ich nichts bereut. Es ist eine der mutigsten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Dafür, was mein Herz mir sagt. Heute ist es aus mehr als nur einem Grund die genau richtige Entscheidung, denn heute kann ich mich auf ein Immunsystem verlassen, das mit maximalen Kräften für mich arbeitet.

Es war keine Entscheidung, die jedermann einleuchtet, die leicht zu erklären ist, die vom Verstand kommt und mit diesem nachvollziehbar wird. Keine Entscheidung auf einer Grundlage wie: a) Mir tut nichts mehr weh, ich habe keine Symptome mehr, also könnte ich die Medikamente ja weglassen, vielleicht bleibt es so. Oder b) Wer weiß ich ob ich nicht auch ohne Medikamente in Remission bin, lass uns das mal ausprobieren und sie absetzen. Oder c) Ich habe starke Nebenwirkungen, ich habe trotzdem Schmerzen, also bringen die Medikamente nichts und ich kann sie ja auch weglassen.

Alles, was ich euch sagen kann ist, dass ich eines sonntags Ende Juli auf meiner Wohnzimmercouch saß, den Simponi-Pen in der Hand, den Oberschenkel bereits desinfiziert und alles bereit... und ich einfach spürte, dass sich das hier absolut nicht mehr richtig anfühlt. Ich notierte direkt danach die folgenden Zeilen in mein Tagebuch:

► Und da gab es einen Shift darin, wie ich das Simponi betrachte.  Nicht länger als etwas, das ich brauche, um keine Schübe mehr zu “bekommen”. Sondern als etwas, das ich nur zu mir führe aus einer Angst, ohne diesen Wirkstoff meine Arbeit nicht zu schaffen oder nicht am Einsteinmarathon teilnehmen zu können. Und weil sich meine Liebsten sonst Sorgen machen würden. Und ich selbst Angst vor neuen Schüben habe, und meiner Verbissenheit und meinem “Ganz oder gar nicht” ausgeliefert bin, meiner Sturheit und “Gewalt”tätigkeit, mei'm Striegel-Gwalt ond Maucher-Zora – das, was die Gene meiner Ahnen mir wohl mitgegeben haben...

 So oder so bin ich es, die dem Medikament die Wirkung gibt.  Der wahre Wirkstoff bin ich. Und ich darf es loslassen, wenn ich soweit bin. Nur will ich nicht zu schnell gesund werden und mich selbst dabei überholen und überfordern. Ich habe überlegt, ich bewahre es 30 Tage ungekühlt auf und weiß, ich kann spritzen, sobald ich etwas “Komisches” spüre; die Wirkung wäre in zwei Tagen da. Das neue Rezept löse ich noch ein, doch… ach, all die Heimlichkeit. Kann ich das? Will ich das? Der Teebeutelspruch sagt: Sprich die Wahrheit. Doch... ich mache es für mich. Es ist kein Hintergehen oder Verschweigen oder Lügen. Es ist… erstmal mein Ding. Mein Weg. Meine Entscheidung.

 Geht es zu schnell? Nein. Es ist bedingungsloses Vertrauen.  Beim nächsten Termin im Dezember wird meine Rheumatologin das unterstützen und mir vorschlagen, dass ich meine Medikamente absetzen kann. Dass wir’s probieren. Schlussendlich habe ich gespritzt, die Hälfte und in den Bauch, um etwas anders zu machen als sonst; und um meine eigene “Ganz oder gar nicht”-Mentalität nicht zu triggern. Erst das Kortison und das Thyronajod, dann das Simponi. Ich bin noch nicht ganz so weit, aber weiter als letzten Monat! Ich fühle die Aufregung und Furcht vor meinem eigenen Mut in mir. Doch ich weiß, ich vertraue meinem Körper und es ist der richtige Weg. Auch diese Angst wird gehen, mit der Zeit. Ich stoppte das Spritzen da, wo der Schmerz im Gewebe begann; das war für mich das Signal, aufzuhören. Ich bin nicht ohne Wirkstoff – der Wirkstoff bin ich, meine Gedanken und Gefühle und wie ich mit mir umgehe. ◄

Einen Monat später, Anfang September 2019, habe ich das Simponi ganz abgesetzt. Ich war bereit – auch ohne Rücksprache mit meinen Ärzten, ohne, dass ich irgendjemandem davon erzählt habe. Ich bin die ersten vorsichtigen Schritte auf diesem Weg ganz für mich allein gegangen, bis ich mir im Klaren war, was da gerade überhaupt mit mir passiert. Nun erzähle ich offen und ehrlich davon. Ich habe mich Tag für Tag vorangetastet, habe mich gebremst, einen Tag nach dem anderen zu nehmen. Jeden Tag zu überprüfen, wie ich mich fühle, jeden Tag zu schauen, was ich mir Gutes tun kann, was in meiner inneren Welt los ist, was ich brauche, wie ich die Symptome loslassen kann. Mal war es eine Meditation die half – Meditation statt Medikamente  (-:  Oder Musik, Nordic Walking, Schreiben. Mal war es mehr Schlaf, ein heißes Bad, die Auseinandersetzung mit einem inneren Konflikt, den ich mir nicht eingestehen wollte. Die Spritze, die ich damals hätte benützen sollen, liegt immer noch unangetastet im Kühlschrank.

Es gab und gibt Momente, in denen fällt mir all das so leicht, die Arbeit mit mir selbst… wenn es einmal Klick! gemacht hat kommt alles ins Rollen. Es gibt keine Regeln mehr, wann ich wie welche Tablette oder welche Spritze nehmen muss, oder welchen strikten Therapieplan ich brauche. Wenn man gesünder wird muss man sich erst wieder daran gewöhnen, wie es ist, frei zu sein.

Es gab und gibt Momente, in denen ich verzweifle. In denen ich mich selbst innerlich anschreie, warum ich mir das bloß antue. Momente, in denen die Symptome so stark sind, dass ich weine. Ich kann euch schwer beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn dein Körper einfach streikt. Wenn du aufstehen willst und sich deine Gelenke einfach weigern. Wenn dich der Schmerz von oben bis unten durchzuckt und du denkst, du wirst gleich ohnmächtig davon. In solchen Momenten habe ich vor allem eines: Angst vor mir selbst. Angst davor, dass es falsch war. Angst davor, dass ich größenwahnsinnig war, fehlgeleitet, mich überschätzt habe und falschen Idealen nachgelaufen bin. Mir etwas eingeredet habe.

 Und dennoch habe ich jedes Mal, in jeder noch so verzweifelten Situation,  
 einen Weg gefunden meine Schmerzen aufzulösen, aufzustehen, mich zu bewegen. 
 
Und glücklich und stolz zu sein, es aus eigener Kraft geschafft zu haben.
Ist es einfach? Nein. Ist es es wert? Absolut.

Warum also tue ich mir das an, wenn ich es so viel einfacher haben könnte? Einfach die Medikamente wieder nehmen und zack, ich müsste mich mit all dem nicht beschäftigen. Die Wahrheit ist, ich kann nicht mehr zurück. Ich müsste mich in Schuhe zwängen, die mir zu klein geworden sind. Ich kann nicht ungeschehen machen was in mir entstanden ist. Du kannst auf dem Weg der geistigen und spirituellen Weiterentwicklung nicht mehr zurück. Du kannst nicht mehr vergessen! Das, was mir den Weg weist, dieses Bauchgefühl, meine Intuition, die sanfte Stimme die mir sagt: Geh weiter. Es lohnt sich.

Ja, ein Leben mit unterdrückten Symptomen ist augenscheinlich leichter. Auch ich ertappe mich dabei, wie ich manches Mal denke: Mit den Medikamenten ginge das jetzt einfacher. Putzen zum Beispiel, oder ein Brötchen aufschneiden, oder Aufstehen aus dem Schneidersitz ohne Nachzudenken. In diesen Situationen vergesse ich, dass das nur Momentaufnahmen sind. Morgen kann all das, was ich heute beweine, schon wieder völlig ohne Symptome ablaufen! Und genau darum ist es es wert, diesen Weg zu gehen – denn damit sind andere Dinge leichter, die mir wichtiger geworden sind als der kurzfristige Schmerz oder die momentane Anstrengung: Freiheit zum Beispiel. Vertrauen in mich selbst. Und das Abenteuer, einmal etwas völlig Verrücktes zu machen und mich dabei neu zu entdecken.

Übrigens hat das alles noch zwei großartige Nebeneffekte:
1. Ich spare unseren Krankenkassen rund 25.000 Euro im Jahr.
2. Mein Herz jubelt, denn ich unterstütze nun auch indirekt keine Tierversuche mehr.

Ein Fazit? Auch wenn ich diese Eingabe nicht gehabt hätte, meine Medikamente weiter ihren Dienst tun würden, oder auch bei den Augenentzündungen gewirkt hätten, oder ohne größere Nebenwirkungen, oder wenn – ich sehe, dass das alles zu meiner Weiterentwicklung gehört. “Ich brauche diese Medikamente” gilt nicht mehr. Ich möchte diesen Weg gehen, und ich will, dass ich das Rheuma hinter mir lasse. Wenn ich mir selbst und meinem Körper zu 100% vertrauen will, dann will ich so leben, dass ich nichts von außen brauche um gesund zu werden. Je mehr ich sehe und erlebe, was ich direkt aus mir heraus bewirken kann, je mehr lasse ich den Gedanken an eine Abhängigkeit im außen los. Meine Medikamente wieder zu nehmen würde manch äußeren Schmerz unterdrücken, das vielleicht. Doch der innere Schmerz, es nicht weiter versucht zu haben, meinem Weg nicht vertraut zu haben, meiner inneren Stimme nicht gefolgt zu sein... dieser Schmerz wäre weitaus größer.

Ich habe mir letztes Jahr hoch und heilig versprochen, mein Herz nie mehr zu verleugnen. Dieses Versprechen halte ich. Im größten Schmerz, und im größten Glück. Und so lebe ich weiter.


“Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk,
und der rationale Verstand ein treuer Diener.
Wir haben eine Gesellschaft erschaffen,
die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.”
– Albert Einstein