Orthesen

25.4.2017

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In den letzten Beiträgen ist immer mal wieder das mysteriöse Wort “Orthese” herumgeschwirrt, und es macht vielleicht etwas Angst, da es so gefährlich ähnlich wie “Prothese” klingt. Diese Angst nehm' ich euch!

Orthese ist ein Kunstwort und ist vom griechischen Begriff für “aufrecht” = “ortho” abgeleitet. Hier sind wir auch schon am Kern der Sache, denn es geht im Kern um die Aufrechterhaltung der Funktion eines Gelenks. Dies ist allen Orthesen gemeinsam, auch wenn sie sehr unterschiedliche Erscheinungsbilder haben können. Es gibt z.B. Handschienen, die überlastete und gereizte Weichteile solange ruhigstellen, bis sie sich wieder erholt haben; Aircast-Walker, die man nach einer Fußoperation trägt, sodass die ersten Schritte in einer geschützten Funktionsstellung ablaufen können; Schwanenhalsringe, die die zarten Fingerglieder vor Überdehnung schützen - und, und, und... Der Fantasie und dem Einfallsreichtum der Ergotherapeuten, Orthopäden und Medizintechniker sind nahezu keine Grenzen gesetzt.

Auf dem Bild oben seht ihr meine zwei Neuzugänge: ja, das sind tatsächlich medizinische Ringe aus 925er Silber, und auf sie bin ich unglaublich stolz. Ich trage meine Fingerschienen seit 2009 und die ersten Modelle (die ich auch heute noch habe, was für eine sehr langlebige Qualität spricht!) waren aus hautfarbenem Plastik. Das hat den Vorteil, dass sie sich tatsächlich ein wenig anpassen lassen, indem man sie ganz leicht biegt. Aber schön ist anders, ehrlich. Natürlich fallen sie fast gar nicht auf und ich habe sie zwischenzeitlich auch schon mit Nagelschmuck verziert, um sie wenigstens ein bisschen aufzuhübschen. Ganz zufrieden war ich nie damit - bis ich eines Tages beim Stöbern nach anderen Rheumablogs auf https://www.silversplints.com/ gestoßen bin. Diese Firma in den Niederlanden macht tatsächlich 8er Schlaufen und andere Fingerschienen aus Silber! Die musste ich haben, hab mich jedoch lange nicht getraut, sie wirklich zu bestellen. Ich habe mich bei meiner Ergotherapeutin erkundigt, ob sie nicht einen Goldschmied rund um Ulm kennt, der solche Ringe herstellt. Leider war der nächste Kontakt in Deutschland, den sie mir empfehlen konnte, in Köln - sie hat mich aber auch auf die Silversplints aus Arnheim hingewiesen. Mein Bauchgefühl wurde immer besser und so habe ich mich schließlich getraut, den Umfang meiner Finger ober- und unterhalb des Gelenks zu messen und diese Daten zusammen mit den Angaben linke Hand/Ringfinger/kleiner Finger an die Silberkünstler von WeDesign zu senden. Ich war schon recht nervös, ob ich wirklich alles richtiggemacht habe und ob sie wirklich passen würden... drei Wochen später waren sie da und sie waren einfach nur perfekt! Ich trage sie so gerne und sie sind mir eine viel bessere und bequemere Stütze, als es die Plastik-8er-Schlaufen je waren. Und sie sind auch noch so schöne Schmuckstücke, dass niemand auf die Idee kommt, sie hätten einen medizinischen Hintergrund.

Neben den Fingerschienen trage ich aktuell links eine Daumenorthese, zum Arbeiten eine Funktionsschiene am rechten Handgelenk (PC-Maus!) und nachts eine Lagerungsschiene für die linke Hand inklusive einem “Dächle”, um meine Knopflochdeformität abzumildern; das Dach auf meinen Fingern bewirkt, dass sie sich über Nacht entspannen und ausstrecken, sodass die Fehlstellung korrigiert und die Verformung verlangsamt wird. Bald soll auch noch eine Lagerungsschiene für das rechte Handgelenk dazukommen, um die beginnende Bajonettstellung aufzuhalten.

Meine Daumenschiene ist mein Alltagsbegleiter und aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Dank ihr kann ich wieder ganz normal Knöpfe öffnen, Brot schneiden, mit Messer und Gabel essen. Es bleibt zu wünschen, dass durch das Schienetragen mein instabiles Daumengrundgelenk irgendwann so versteift, dass ich die Orthese gar nicht mehr brauche. Bis dahin aber trage ich sie mit Stolz und Dankbarkeit. Die Nachtschiene ist hingegen, zugegeben, ein unangenehmer Zeitgenosse. Am Morgen sind meine Finger erstmal kaum beweglich und leicht eingeschlafen, sodass ich ein paar ruhige Minuten einplanen muss, bis sie ganz “aufgewacht” sind und meine Morgenroutine beginnen kann. Daher trage ich sie nur momentan jede zweite Nacht, weil es mir sonst für meine Bänder und Sehnen zu heftig wird. Auch ist es mit der Schiene nicht immer so einfach, eine bequeme Liegeposition zu finden. Aber was muss das muss, oder? Die Funktionsschiene für die Bildschirmarbeit liegt momentan etwas verwaist auf dem Schreibtisch, da mein frisches seva-Tattoo noch recht empfindlich ist. Normalerweise ist aber auch diese Orthese ein geschätzter Alltagsbegleiter und hilft mir, mich auch an stressigen Tagen mit tausendfachem Klicken vor Schmerzen zu bewahren.

Ihr seht, Orthesen sind etwas ganz Wunderbares. Nur auf eines sollten die Frauen unter euch Acht geben: die Klettbänder! Also bitte immer zuerst die Strumpfhose anziehen, dann die Orthese! (-:

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