Outtakes

Zu diesem Beitrag hat mich meine beste Freundin und härteste, ehrlichste Kritikerin inspiriert (danke mein Schwesterchen!).

Mein Blog liest sich manchmal zu optimistisch und zu positiv. In meinen Beiträgen scheint mein Rheumaleben mühelos zu sein, alles läuft perfekt. Gerade denjenigen, die sich neu mit der Diagnose auseinandersetzen müssen, fehlt das, was schief geht, nicht glatt läuft, der Schmerz, die negativen, unbequemen Gefühle, das Leid(en) und das, was uns zu Menschen macht - eben, die Outtakes. Es ist gut, dass wir darüber sprechen und ich verstehe, woher der Eindruck kommt. Darum möchte ich euch heute mein Herz ganz weit öffnen, sodass ihr tief hineinblicken könnt.

Ihr Lieben, ich bin wahrlich keine little Miss perfect. Ich hatte nur 32 Jahre Zeit, über sämtliche Niederlagen und Tiefschläge hinwegzukommen und daran zu wachsen.

Wenn mir heute ein Schicksalsschlag widerfährt, kann ich aus meiner Erfahrung schöpfen und wohlüberlegter reagieren. Meine Beiträge schreibe ich nicht in roher Emotion, sondern lasse Zeit verstreichen, bis ich wieder gefasst bin. So klingen die Artikel nüchterner, sachlicher - doch mit Absicht, weil ich niemanden mit Gejammer und Todessehnsucht verschrecken will. Ich stelle stets das Gute in den Vordergrund, um euch Mut zu machen. Vielleicht kommen dadurch die traurigen Erlebnisse und verzweifelten Phasen etwas zu kurz, doch auch ich bin durch so manches Tal der Tränen gegangen. Gerade die einschneidenden Lebensabschnitte waren es, aus denen ich am meisten gelernt habe.

Mein Rheuma konnte ich erst richtig akzeptieren, als ich mein künstliches Sprunggelenk bekommen habe. Da musste ich mich grundsätzlich damit auseinander (und mich wieder zusammen-)setzen, wie drastisch es werden und was mir alles passieren konnte. Davor, als Teenager und in meiner Ausbildungszeit, wollte ich so sein wie alle anderen und habe meine Krankheit ignoriert und innerlich bekämpft. Das ging so weit, dass ich sämtliche Medikamente abgesetzt hatte - und damit einen Schub provozierte. Die Agranulozytose hat mich an den schmalen Grat zwischen Leben und Tod gebracht. Danach, als Überlebende eines totalen Immunsystemzusammenbruchs, sah ich das Leben mit anderen Augen, habe sehr viele Ängste verloren und mich selbst voll und ganz lieben gelernt; heute sage ich, ich fühle mich endlich wohl mit mir. Als meine Uveitis diagnostiziert wurde und zunächst eine Operation im Raum stand, war ich am Boden zerstört - so fertig mit der Welt, dass mein Mann mich vom Augenarzt abholen musste, ich war nicht einmal fähig nach Hause zu laufen. Immer wieder, wenn ich mich zu lange zu sehr hängen lasse (über das normale Maß des Annehmens und Innehaltens hinaus), ist er da, um mich wieder ins Leben und Weiterkämpfen zurück zu holen und mir notfalls auch in den Hintern zu treten, wenn ich zu sehr in die Depressionen abdrifte. Es gibt Tage, an denen ich einfach alles hinschmeißen und nicht mehr sein möchte - Licht aus, lasst mich in Frieden; Tage, an denen ich nicht weiß, wie ich die Kraft zum Weitermachen aufbringen soll; an denen mir alles zuviel ist und jeder mich nervt, jede Kleinigkeit mich ankotzt.

Mit Rheuma gibt es tausende Schattierungen zwischen guter Tag und schlechter Tag. Bitte denkt also daran, wenn ihr meine Zeilen lest: Ich bin ein Mensch mit Höhen und Tiefen, ganz genau wie ihr. Und ich bin Superwoman in einem Film, aus dem man die Outtakes nicht herausschneiden kann - im echten, wahren Leben.