Schmerzen

22.3.2017
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Wahrheit Nr. 1: Das Leben mit der rheumatoiden Arthritis ist ein Leben mit chronischen Schmerzen.
Wahrheit Nr. 2: Absolute Schmerzfreiheit gibt es nicht.
Wahrheit Nr. 3: Aufgeben ist keine Option.

Schmerz ist ein Warnsignal im Körper und schützt uns vor Verletzungen. Das funktioniert jedoch nicht mehr, wenn wir chronische Schmerzen empfinden, weil unser Körper sich selbst angreift. Deshalb ist das oberste Ziel einer jeden Rheumatherapie, die Krankheit so zum Stillstand zu bringen, dass Gelenkzerstörungen verhindert werden, Beweglichkeit zurückerlangt und eine größtmögliche Schmerzfreiheit erreicht wird. Schmerz ist vielgesichtig und vielschichtig. Daher habe ich lange überlegt, ob dieser Blogbeitrag “Schmerz” oder “Schmerzen” heißen soll. Letztendlich habe ich mich für den Plural entschieden, denn ich möchte die verschiedenen Schmerzarten beschreiben und Wege, mit ihnen zu leben.

Ich bin schmerzfrei, aber nicht frei von Schmerzen. Das bedeutet, dass meine Medikamente und ich mein Rheuma so gut im Griff haben, dass ich auf einer Scala von 0-10 meiner Rheumatologin regelmäßig voll Freude eine glatte Eins entgegenschmettern kann. Denn grundsätzlich tut mir nichts weh - und das nicht nur im Ruhezustand. Ich kann ohne Schmerzen liegen, schlafen, sitzen, stehen, gehen und arbeiten. Und trotzdem habe ich täglich Schmerzen, die sich medikamentös nicht ausradieren lassen.

Morgens holt mich mein Lichtwecker sanft aus den Träumen. Noch im Halbschlaf kann ich spüren, wie es meiner Halswirbelsäule geht. Ich habe zwischen Schädel und C1 (Atlas) sowie C1 und C2 (Axis) zerstörte Knorpel und kaputte Knochen. Deren Entzündungen sind weitgehend ausgeheilt, aber Arthrosen sind geblieben. Oft fühlt sich mein Kopf zu schwer an, als könnten die Wirbel ihn kaum tragen. Er lastet auf der maroden Gelenkfläche des Atlas und verbreitet einen Druckschmerz, der manchmal den ganzen Tag über nicht verschwindet. Dazu kommen die Bewegungseinschränkungen, die zu Fehlstellung und verhärteter Muskulatur führen. Mit Kirschkernkissen, Dehn- und Lockerungsübungen sowie grundlegender Entschleunigung kann man sich viel Gutes tun. Aber nur mit intensiver Physiotherapie und geschulten Händen ist es bei mir wirklich besser geworden. So geht meine Grundspannung zurück und ich gewinne wieder an Beweglichkeit.

Zwischendurch werde ich immer wieder von Belastungsschmerzen daran erinnert, dass auch eine umtriebige Jungrheumatiker Pausen braucht. Meine rechte Hand, mein linker Daumen sowie Ring- und kleiner Finger der linken Hand stecken in Orthesen, die mir Stabilität geben und Fehlstellungen verhindern. Das führt aber auch dazu, dass ich so gut damit arbeiten kann, dass ich es etwas übertreibe. Kaltes Händewaschen, Durchbewegen und ein kühles Linsenbad (mehr dazu in einem Beitrag über Wohltuendes) wirken hier wahre Wunder.

Abends, wenn ich nach einem aufregenden Tag ins Bett sinke, lösen sich die tagsüber aufgesammelten Verspannungen. Dabei habe ich dann auch öfter ein Knacken in den Gelenken, was ich mit dem Gefühl verbinde, dass sich nun alles wieder an seinen richtigen Platz “verschiebt”. Das sind meistens kurze Schmerzen, an denen ich manchmal erschrecke, die aber so schnell verschwinden, dass ich mir erst gar keine Kompensationsstrategie überlegen muss (-:

Eine besondere Art von Belastungsschmerz erträgt mein Kiefergelenk, weil ich nachts gerne zubeiße. Ich knirsche zwar nicht, drücke aber die Kiefer so fest aufeinander, dass sich die Muskulatur verkrampft. Das ist nicht besonders förderlich, denn ich habe bereits durch rheumatische Entzündungs- und Abnutzungsprozesse eine sogenannte Subluxation, was beduetet, dass sich mein linkes Kiefergelenk bei bestimmen Bewegungen unvollständig ausrenkt. Nachts trage ich daher eine Oberkieferschiene, schütze damit meine Zähne und minimiere den Druck auf mein Kiefergelenk.

Es gibt Tage, an denen die Steifigkeit in der Halswirbelsäule fünf Stunden oder länger anhält, bevor sie langsam verschwindet. Oder mein Fuß pocht und reißt, wahlweise Ellenbogen oder Finger. Oder mein Kiefergelenk ist derartig unbeweglich, dass ich schlecht essen kann. Meistens herrscht an solchen Tagen Nebel, es regnet oder schneit, oder eins davon (oder alles zusammen!) kommt noch. Dann schlägt die berühmte Wetterfühligkeit zu und macht sich als dumpfes Pochen in den Gelenken bemerkbar. Hier hilft warm einpacken, Ruhe bewahren und darauf warten, dass sich mit dem erlösenden Regen (Schnee, Nebel) auch die Schmerzen in Wohlgefallen auflösen.

Akute Schmerzen, die durch eine falsche Bewegung, zu hohe Belastung oder einen Schub und dessen Entzündungsprozesse entstehen, sind im Gegensatz zu den dumpfen und tiefen Arthroseschmerzen heiß, reißend und wesentlich intensiver. Sie fühlen sich an wie dünne Messer mit langen Zähnen, die durch das Gelenk geschoben und wieder herausgezogen werden. Oder wie Rasierklingen, die man hochkant zwischen das Gelenk gesteckt hat. In diesem Fall ist die erste Maßnahme das Richtigstellen der Rheumatherapie. Ist das getan, kann ich mir verschiedene Strategien zur Schmerzbewältigung zurechtlegen. Coolpacks aus dem Gefrierfach, Ruhe oder Ablenkung, früh schlafen gehen, darüber sprechen, ein gutes Buch oder ein spannender Film. All das hilft und tut gut!

Nicht zuletzt gibt es den Heilungsschmerz, den ich gerne erdulde, weil er Teil eines Genesungsprozesses ist, z.B. nach einer Operation, in der Reha oder der Physio- und Ergotherapie.

Und bei all diesen Schilderungen habe ich bisher noch kein Wort über Schmerzmittel verloren, was seinen Grund hat. Ich habe zwischen meinem 12. und 22. Lebensjahr täglich Naproxen genommen, bis ich meine erste Basistherapie erhalten habe. Mit ihr konnte ich auf sämtliche Schmerzmittel verzichten, und kann es bis heute. Das schont meinen Körper und gibt mir immense Lebensqualität zurück. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine ausgeklügelte Rheumatherapie ganz ohne Schmerzmittel auskommt!

Ganz gleich, welcher Schmerz mir sein Gesicht zeigt - ich weiß, er ist nie ein Dauerzustand. So unerträglich manche Schmerzattacke zu sein scheinen - es gibt immer die Gewissheit, dass es vorbeigehen wird. Meine Schmerzen erinnern mich tagtäglich an meine Krankheit - aber auch daran, dass ich fühle und am Leben bin.


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