Schub

Im letzten → Beitrag habe ich über Schübe geschrieben und meinen persönlichen Anteil daran. Es ist keineswegs eine Schuldzuweisung zu sagen, ich habe meinen Beitrag zum Schub geleistet. Das ist die beste Nachricht, die es geben kann! Wenn man weiß, wie man sich hineingeführt hat, dann findet man auch wieder heraus. Ich kann nicht nur anders mit meinen Symptomen, Beschwerden und Störungen umgehen, ich kann sie auch in einem ganz anderen Licht sehen.

Where there is desire there is gonna be a flame
Where there is a flame, someone's bound to get burned
But just because it burns doesn't mean you're gonna die
You've gotta get up and try, try, try.
[P!nk]

Gestern habe ich nach langer Zeit einmal wieder dieses Lied im Radio gehört und es ging mir mitten ins Herz – es hat so gepasst! Es gibt ein Wollen, ein Bedürfnis in dir (where there is desire), das dich entzündet (there is gonna be a flame). Wenn diese Empfindung besonders stark ist, wenn dein Körper auf deine Seele reagiert und sich ein Schub formt, ein Wieder-Aufflammen einer Entzündung (where there is a flame) wird es beschwerlich und schmerzhaft (someone’s bound to get burned). Doch dieses Gefühl der Einschränkung, der Hitze, des Brennens und des Schmerzens (but just because it burns) bedeutet weder, dass dein Körper sich irreparabel zerstört noch bedeutet es das Ende deiner Welt (doesn’t mean you’re gonna die). Zieh dich hoch in eine positive Energie (you’ve gotta get up) und (ver)such einen Weg raus (and try) – immer wieder (try, try).

Viele Faktoren führen uns in einen Schub hinein. Die Angst vor dem nächsten Schub, die genau diesen neuen Schub auslöst (Gleiches zieht Gleiches an). Glaubenssätze, die wir mit einem neuen Schub verknüpfen, z.B. “Immer wenn ich Alkohol trinke bekomme ich am nächsten Tag geschwollene Finger” (sich selbst erfüllende Prophezeiung). Einschnitte im Leben, starke Emotionen, die uns durcheinanderwirbeln, unter Stress setzen und uns in Extreme bringen (Polarität). Du kennst deine eigenen Trigger, die deinen ganz persönlichen Schub auslösen. Doch wie kommt man wieder heraus, wie das Feuer löschen, wenn man eben nicht gleich zum nächsten Medikament greifen will?

Es ist wirklich noch nicht lange her, da gab es für mich auch nur diese eine Möglichkeit: ein Medikament wirkt nicht mehr, eine neue Entzündung ist da, du wartest ab, es wird nicht besser, du wartest noch ein Weilchen, es wird nicht besser oder sogar noch schlimmer? Geh zur Rheumatologin und mach dich darauf gefasst, die nächste Therapie anzufangen! Ich habe so gehandelt aus Widerwillen gegen die Einschränkungen, weil es der einfachere Weg war, aus Angst vor bleibenden Schäden und vor allem, weil ich nichts anderes kannte. Ich wusste keine andere Möglichkeit. Inzwischen glaube ich jedoch fest, wir greifen mit Medikamenten manches Mal zu früh ein, und nehmen unserem Körper damit die Chance sich selbst zu helfen und von alleine wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Wenn man eine Entzündung “sein” lässt, dann brennt sie erstmal lichterloh – und zwar so lange, wie man sich dagegen wehrt (what you resist, persists) oder wie lange man sie vorher unterdrückt hat. Es gibt dieses schöne Beispiel vom Luftballon, den du versuchst unter Wasser zu halten: Je tiefer du ihn hinunterdrückst, desto stärker springt er hoch, wenn du ihn loslässt. Analog dazu heißt das auf der Gefühlsebene: Je tiefer du etwas in dir vergraben hast, desto intensiver wird es, wenn du es ans Tageslicht holst. In dieser Phase kommt die Angst, der Schock vor der Überreaktion, das Gefühl, es passiert etwas mit dir das du nicht kontrollieren kannst.

Der Schlüssel heißt Vertrauen, Loslassen und Geduld.

Lässt man die Entzündung da sein, das heißt man akzeptiert die Tatsache, dass sie nun einmal momentan da ist, dass man sie nicht sofort wegzaubern, sie weder mit einem Fingerschnipsen noch mit Wut wegbekommen kann, wenn man sie liebevoll anschauen kann weil man weiß, dass sie eine Botschaft hat, man achtet gut auf sich, bestärkt sich, geht fürsorglich mit sich um, nimmt eine Lebenssituation nach der anderen ohne Erwartungen und Zeitdruck, wie lange es dauern darf und ab wann man “Maßnahmen ergreifen wird” – dann kann die Entzündung verheilen.

Das ist schwer. Arbeit mit und an sich selbst ist unbeschreiblich schwer. Aber sie lohnt sich.

Vergesst bitte nicht, das ist auch für mich noch weitgehend unbekanntes Terrain. Ja, ich habe beschlossen, einen neuen Weg zu gehen, doch in diesem Prozess bin ich immer noch Schülerin und darf Tag für Tag dazulernen. Ich lerne, mir immer mehr zu vertrauen, Ruhe zu bewahren und mich nicht der Angst zu ergeben. Und ich erlebe, dass es geht! Am Ende dieses Weges wartet das absolute Vertrauen in dich selbst. Wenn du am eigenen Leib erlebt hast, dass du dich selbst heilen kannst, dich selbst aus eigener Kraft wieder in deine Mitte bringen kannst, dann kannst du nicht mehr zweifeln. Aus dieser Gewissheit, dass alles in dir steckt was du brauchst, kannst du bis ins Unendliche Kraft schöpfen. Auch wenn es erstmal nur ein einziges Gelenk von vielen ist, ist das sich wieder beruhigt – das ist der Anfang. Es ist dein Anfang!

Ich staune selbst gerade jeden Tag wie ein Kind über die ersten Ergebnisse, die “Beweise” die unser rationaler Verstand so sehr braucht. Ein paar Tage lang habe ich rote Augen, sehe Schlieren, es bilden sich starke und zahlreiche mouches volantes, doch sie verschwinden auch wieder. Ein paar Wochen lang habe ich ein geschwollenes Sprunggelenk, das zäh ist und warm, aber schmerzfrei, und nach und nach geht die Schwellung zurück. Alles kommt wieder ins Gleichgewicht, und zwar genau dann, wenn ich die Angst vor DEM großen Schub und seinen möglichen Folgen loslasse. Ohne eine Deadline für meine Gesundheit, denn ich habe mein ganzes restliches Leben Zeit.

Dass Symptome von selbst wieder gehen habe ich tatsächlich schon früher erlebt, vor meinem magischen 2019, nur habe ich die Zusammenhänge nicht gesehen. Ein Paradebeispiel dafür ist der Rheumaknoten, der sich vor rund 3 Jahren an meinem rechten Sprunggelenk gebildet hat. Zweimal haben meine Ärzte Kortison in die Sehne und das Gelenk injiziert, und es hat nichts geändert, nichts hat sich bewegt. Nun ist eine Spritze direkt in die Gelenkkapsel eine grauenvolle Angelegenheit, die ich kein drittes Mal wiederholen wollte. Ich beschloß, es gut sein zu lassen, und habe mich dann fest dem Gedanken gewidmet , “der geht dann schon von selber wieder weg”; die schüchterne Variante von was von allein gekommen ist, verschwindet auch von allein wieder. Es hat lange gedauert, sicher ein dreiviertel Jahr, doch mein Wille (meine Überzeugung, mein Vertrauen in mich und meine Selbstheilungskräfte oder alles zusammen) löste den Knoten schlußendlich auf. Und er ist nie wieder gekommen. Dies hat sogar meinen Orthopäden in baffes Staunen versetzt, so etwas hatte er auch noch nicht gesehen.

Rheuma ist nur ein Wort. All das, was ich soeben beschrieben habe, müssen wir noch nicht einmal Schübe oder Minischübe nennen. Es sind Ereignisse wie Ebbe und Flut, Tag und Nacht, Sommer und Winter. Im Beitrag → Schmerzen habe ich einmal gesagt, absolute Schmerzfreiheit gibt es nicht, und das stimmt – so ist das Leben! Es ist das Wechselspiel aus Gesundheit und Krankheit, aus Entzündung und Ruhe in den Knochen, die unser Leben im Gleichgewicht hält.

Egal an welchem Punkt deiner Reise du stehst, egal wie bewusst du dir darüber bist oder wie bereit du bist, dir darüber bewusst zu werden – alles was du brauchst ist schon in dir. Alles ist, weil du bist. Ohne dich und dein Bewusstsein würde es dein Leben nicht geben. Für dein Leben hast du deinen wunderbaren Körper, der diese wundervollen Augen hat, die diese Worte lesen können: alles in deinem Leben ist deine Schöpfung. Auch deine Symptome, auch deine Schübe. Sie kommen aus dir, aus eigener Kraft, und du kannst sie mithilfe dieser Kraft auch wieder gehen lassen. Das Gegenteil von dem, was dich in den Schub hineingeführt hat, holt dich auch wieder heraus. Das zu ergründen ist ein Thema für ein nächstes Mal.