Schubladen

Es ist viel passiert in diesem verrückten Sommer. Kurz und schmerzlos: ich spritze wieder Simponi und nehme Kortison. Alles zurück auf Anfang, Selbstheilung adé? Hier ist die Geschichte:

Mitte Juni habe ich einen neuen Uveitisschub mit Makulaödem im linken Auge bekommen und bin wieder bei 30% Sehkraft auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Ich habe gelitten, geweint, gekämpft, es nicht wahrhaben wollen. Ich habe einen Weg gesucht, die Medikamente zu vermeiden – doch ich hatte nicht die Kraft dazu, oder das Vertrauen, oder den Mut, wie auch immer man es ausdrücken will. Ich hatte unglaubliche Angst. Es ist meine Sehkraft, nicht einfach “nur” ein Gelenk, mit dem man auch leben könnte wenn es versteift. Oder was machst du, wenn dir dein Augenarzt sagt, du kannst blind werden, von jedem neuen Schub etwas mehr?  Selbst wenn ich die Gründe kenne, die den Schub heraufbeschworen haben (eigene Baustellen, große familäre Sorgen und die Arbeit) – sage ich wirklich, in diesen Zeiten, ich nehme mir eine Auszeit von allem, gehe ins Retreat und meditiere das weg? Überspitzt gesagt und ernst gemeint. Für mich war es keine Lösung und ich habe mich für die Medikamente entscheiden. Ich wollte SCHNELL. RUHE! Die hab ich zum Glück bekommen.

Inzwischen ist mein Augenlicht bei 60%, nach anfänglich 50mg Prednisolon konnte ich schrittweise reduzieren und lebe nun mit einer Erhaltungsdosis von 5mg bis Ende des Jahres. Das Kortison hat Spuren hinterlassen im Gesicht und auf meiner Haut, und ich gebe ungeniert zu dass da sehr wohl diese Momente waren in denen ich mich absolut nicht wohlgefühlt habe mit mir; doch auch das sind wertvolle Erfahrungen und sie bringen mich mir selbst wieder näher. Gleichzeitig habe ich mehr Energie, bin schmerzfreier und beweglicher (ja, so wie es vorher war, mit den Medikamenten) und kann damit meinen Mann und meine Familie viel mehr unterstützen – und das macht mich glücklich.

Inzwischen sehe ich alles was passiert ist, mit dem Absetzen aller Medikamente im September 2019 und dem Neubeginn sie zu nehmen im Juni 2020, in einem größeren Zusammenhang. Ich darf mich gerade wieder-erinnern, oder auf einer noch tieferen/schnelleren/bewussteren Ebene aufs Neue lernen, dass alles gut ist wie es kommt, dass ich mir alles zu einem bestimmten Zweck in mein Leben ziehe und dass es keinen Grund für mich gibt, mit irgendetwas nicht einverstanden zu sein oder zu hadern. Ich fühle, ich habe meinen Frieden mit den Medikamenten gemacht. Es geht gar nicht darum, die eine oder andere Schublade aufzumachen – es geht nicht darum, dass der “Heilige Grahl” ein Leben mit oder ohne Medikamente ist. Meine Lektion hier ist, zu lernen, flexibel zu sein. Keine starren Überzeugungen zu haben, weder das eine noch das andere zu verabsolutieren, sondern das zu tun und zu nehmen was meinem Körper, meiner Gesundheit, meiner Seele, in diesem Moment guttut.

Hier bin ich. Ich bin im Schub, und ich habe mich entschieden, dafür (nicht dagegen!) etwas zu nehmen. Ich setze “alles auf Anfang” mit dem Unterschied, dass ich dieses Mal keine neue Schublade aufmache. Die Schublade immer Medikamente zu brauchen ist zu. Die Schublade immer medikamentenfrei zu leben ist ebenfalls zu. Ich öffne WEIT die Schublade, keine Schubladen mehr zu wollen. ❤ Vielleicht ist das die größere Bedeutung von Selbstheilung?