Selbsthass

“Sei freundlich zu deinem Körper.
Wenn nicht für das heute, dann für den Tag,
an dem du dich dazu entscheidest,
dass es ein Körper ist in dem es sich lohnt zu leben.”
(http://www.rheumatopia.de/blog/organspende-und-essstörungen)

Meine Beziehung zum Essen, zu meinem Körper und damit zu meinem Selbstbild war nicht durchgängig unbeschwert. In den vergangenen Beiträgen habe ich immer wieder Andeutungen dazu gemacht, nun ist es Zeit für die ganze Geschichte. Warum möchte ich euch davon erzählen?

Gerade das, wofür wir uns schämen, muss erzählt werden. Scham macht uns verletzlich, doch in unserer größten Verletzlichkeit liegt auch unsere größte Ehrlichkeit. In unserer Verletzlichkeit können wir wahre Verbindungen eingehen, von Herz zu Herz sprechen, ohne Masken und Vorspiegelung falscher Tatsachen. Ich musste all das durchleben, um der Mensch zu werden, der ich heute bin. Ich musste all das durchleben, um diese Erfahrungen mit euch teilen zu können. Ich musste all das durchleben, um euch zu sagen, dass ihr genau richtig seid, immer wart und immer sein werdet.

Die dunkelroten Zeilen entstammen dem Song “Courage” der Band Superchick. Ein Lied, das mir durch die dunkelsten Nächte geholfen und den Teil in mir gestärkt hat, der immer nur eines wollte: die Zwänge hinter mir lassen und gesund werden. Taucht nun tief mit mir.

Als Kind musste man mich zum Essen betteln. “Wenn sie doch nur einmal sagen würde, sie hätte Hunger” beklagten meine Eltern damals. Meine Cousinen saßen vor mir und schauten mir bei jedem Bissen zu, ermunterten mich, schneller und mehr zu essen. Ich aß nur bestimmte Nahrungsmittel, vieles (v)ertrug ich wegen seiner Konsistenz nicht. Als 10 Monate altes Baby – ich kam mit den ersten Symptomen zur Diagnosestellung ins Krankhaus – war kein Kindertubus vorrätig, weshalb sich die Ärzte kurzerhand dafür entschieden, einen Tubus für Erwachsene in meine Luftröhre einzuführen. Ich erlitt ein Trauma im Hals, und mich begleitete die ganze Kindheit hindurch ein Würgegefühl bei bestimmen Speisen, z.B. wenn ich Joghurt mit Stückchen aß oder Rosinen im Zopfbrot waren. Ich konnte nur geschälte Äpfel essen, weil mich die raue Schale würgte, was mir im Kindergarten Häme und Spott einbrachte – “Natascha ist ein Baby!”

Als ich dann endlich regelmäßig aß wurde ich futterneidisch. Ich bekam Wutanfälle, wenn jemand von meinem Tellerchen essen, Essen von mir probieren wollte. Irgendwann lernte ich zu teilen, nach und nach wurde mein Verhältnis zum Essen entspannter, ich probierte mehr aus und traute mir mehr zu. Ich nahm zu, gewann an Selbstsicherheit und Lockerheit, kam in die Pubertät und mein Körper begann, sich zu einer Frau zu entwickeln. Zu keiner Zeit in meinem Leben war ich übergewichtig, doch irgendetwas stimmte irgendwann nicht mehr. Irgendwann veränderte sich das, was ich im Spiegel sah.

Tipping point 1 – Die Waage und ich.

I don't know the first time I felt unbeautiful
The day I chose not to eat
What I do know is how I changed my life forever
I know I should know better.

Mit 13 begann ich meine erste Diät. Ich kann heute nicht mehr sagen, was der Auslöser dafür war – die ganz normale Unsicherheit der Pubertät, meine Mitschülerinnen und meine zu dieser Zeit beste Freundin, die bereits “auf Diät” waren, oder dass auf dem Schulhof über mich gelacht wurde und ich die zu enge rote Nylonhose dafür verantwortlich machte. Es spielt heute keine Rolle mehr und ich möchte auch niemandem die Schuld dafür geben. Die Schuld (im Sinne von verantwortlich dafür sein) liegt ganz bei mir. Denn die Entscheidungen, die folgten, traf ich ganz allein.

Eine Sekunde war ich noch völlig sorglos und im Einklang mit mir selbst, zufrieden so wie ich war, und habe einfach gelebt. Dann zerbrach etwas in mir, und von einem Moment auf den anderen war nichts mehr wie vorher. Ich hatte das Gift der Selbstzweifel in meinen Venen und das Gefühl von “so, wie ich bin, bin ich nicht richtig und ich gehöre nicht dazu”.

Es begann damit, dass ich Süßigkeiten von meinem Speiseplan strich. Wer abnehmen will muss weniger essen. Ich ging schwimmen und Rad fahren, um “das Ganze” zu beschleunigen. Ich lernte die Nährwerte von Nahrungsmitteln, Körper-Grundumsätze pro Gewicht und den Kalorienverbrauch diverser körperlicher Aktivitäten. Was mir in der Schule so schwer viel zu behalten, das fiel mir leicht – ich konnte die Nährwerte der mir “erlaubten” Nahrungsmittel irgendwann auswendig.

Immer mehr Lebensmittel flogen von der Liste. Nach den Süßigkeiten und dem Knabberzeug strich ich das Abendessen ganz, dann Dinge wie Kakao, reduzierte und halbierte die Menge der einzelnen Speisen. Zuerst ersetzte ich die Lebensmittel – z.B. Chips durch Karottensticks, Süßigkeiten gegen süßen Tee, dann strich ich sie ersatzlos. Ich trank sehr viel Wasser, um meinen Bauch zu füllen und das Hungergefühl zu betäuben. Ich kaute zuckerfreies Kaugummi, lutschte an Vivil Bonbons (7 Kalorien pro Stück!), wärmte mich an Gemüsebrühe.

Ich erinnere mich noch gut an eine einschneidende Szene – meine Eltern machten sich da bereits Sorgen, dass ich zu wenig aß. Ich saß in meinem Zimmer und schaute TV, und meine Mama kam herein mit einer belegten Semmel zum Abendbrot. Ich sagte, ich wollte nichts. Sie sagte, ich hätte heute noch nicht genug gegessen, das wäre wichtig. Als sie aus dem Zimmer ging habe ich geheult, weil ich partout nicht essen wollte.

In die Sprache der Menschen um mich herum schlich sich eine gewisse Vorsicht ein. Neue Klamotten wurden mir nur angeboten, wenn sie eine bestimmte Größe hatten. Man vermied es, über meine Figur oder mein Gewicht zu sprechen, da ich zickig und patzig reagierte.

Ich betrachtete mich ständig im Spiegel, checkte meinen Körper ab, ob ich an der ein oder anderen Stelle ab oder schon wieder zugenommen hatte. Ich lief mit ständig angespanntem und eingezogenem Bauch herum (bringen wir unseren Kindern nicht bei, Bauch rein Brust raus?). Ich sah mich in einem ganz neuen Licht, entwickelte eine Körperschemastörung. Ich sah überall an mir ein zu viel, ein zu wenig oder ein nicht genug. Die Diät kippte in ein Zwangsverhalten und eine Besessenheit. Es ging irgendwann nicht mehr darum, in eine bestimmte Hosengröße zu passen, sondern nur noch darum, jeden Tag eine kleinere Zahl auf der Waage zu sehen. Es ist nie genug. Es ist nie wenig genug.

Irgendwann meinten meine Eltern bei einer dieser bestimmten Zahlen, jetzt reiche es. Mir reichte es nicht. Ich war angefixt.

Tipping point 2 – Nothing tastes as good as skinny feels.

Then someone tells me how good I look
And for a moment
For a moment I am happy
But when I'm alone
No one hears me cry.

Ich blieb dünn und hielt mein Gewicht. Ich lebte auf ständiger Diät und war stolz auf meine Kleidergröße 17. Das Lob und die Anerkennung und auch der Neid, den ich für meinen dünnen Körper bekommen habe, lief mir runter wie Öl. Das ist die wahre Sucht dahinter – die Sucht nach der Liebe durch Neid und Bewunderung. Sätze wie “Du bist so schlank” oder “Sag mal, hast du noch mehr abgenommen?” waren meine Droge. Gleichzeitig tat ich so, als würde mich das überhaupt nicht kratzen, als wäre ich überhaupt nicht stolz darauf. Für eine Sekunde tat mir die Anerkennung gut, im nächsten Moment kippte meine Stimmung wieder. Denn ich war davon überzeugt, es ist nie gut genug. Ich war ein schwankendes Boot auf hoher See. Ich war innerlich so zerbrechlich wie äußerlich.

Ich bin ein Mensch, der gern in Extremen gelebt hat. Ich habe die Kontrolle kultiviert und ausgeweitet als Ausdruck der Selbstbestrafung und Selbstmaßregelung für mein nicht gut genug sein. Ich habe heimliche Tagebücher geführt, in denen ich akribisch mein Gewicht, mein Essen und die Kalorienzahl eintrug. Ich habe mein Essen bis auf das Gramm abgewogen, habe Mahlzeiten nicht nach Appetit, sondern nach der Zahl der Kalorien gekauft. Ich habe Gummiarmbänder getragen, um zu überprüfen, ob ich wieder Fett ansetzte. Und um daran zu zerren und mir weh zu tun.

Ich habe sämtliche Filme geschaut und sämtliche Bücher über Essstörungen gelesen, die ich in der Bibliothek finden konnte. Am meisten bewegt hat mich “Wintermädchen” sowie Marja Hornbachers Autobiografie (→ Bücher) – aber es hat mich nicht davon abgehalten, weiterzumachen. Im Gegenteil, ich habe mich verstanden gefühlt und ich habe mein Verhalten als gerechtfertigt empfunden. Ich habe mich voll und ganz in diese düstere Welt hinabbegeben, dort im Internet wo Anas Regeln verehrt werden, rote Libellen um Maßbänder tanzen und Thinspos mit zitternden Fingern ihre Oberarme umfassen. Zu wissen, dass andere Menschen dasselbe tun, hat mir ein Zugehörigkeitsgefühl gegeben. Dieses “Leben” hat mich anders, zu etwas Besonderem gemacht. Kommt dir diese Denkweise bekannt vor? Habe ich das nicht bereits im Beitrag → Transformation über das Rheuma gesagt? Siehst du. Da sind wir. Now we’re talking.

Ich bin gut organisiert und sehr diszipliniert. Diese Disziplin richtete ich gegen mich selbst und da wurde mir zum Verhängnis. Ich machte mir Essenspläne, an die ich mich strikt hielt (komme was wolle!), um die Kontrolle zu behalten. Stand ein Essen im Café oder Restaurant an studierte ich schon vorab die Speisekarte mit den kalorienärmsten Optionen, um vorbereitet zu sein, und bekam Panik, wenn es online keine gab. Ich flocht Ablenkungsmanöver ein, einerseits aus Liebe und Angst, um meine Liebsten um mich herum nicht zu verunsichern und gleichzeitig, um nicht enttarnt und von meinem Treiben abgehalten zu werden. Alles, was verboten war, musste ich so schnell wie möglich außer Reichweite – oder noch besser – außer Haus haben. Ich schloss Süßigkeiten weg oder verschenkte sie gleich ganz.

Ich erlaubte mir nur etwas zu essen, wenn ich es am selben Tag wieder “abtrainieren” konnte. Allein zu diesem Zweck schaffte ich mir einen Crosstrainer an. Meine Tage wurden davon bestimmt, ob ich brav war (mein Kalorienziel erreichte) oder nicht (und weiterer Selbstbestrafung). Mein Kopf war voller Flüsterstimmen. Alles kreiste ums Essen und Nicht-Essen. Ich dachte vor dem Schlafen daran, wann ich wieder essen durfte, dachte morgens daran, wieviel Essen ich mir heute erlauben durfte, und überlegte am Abend, ob ich heute nicht zu viel gegessen hatte. Jedes “Vergehen” musste wettgemacht werden, mit Sport oder einem Fastentag.

Ich vermaß mich regelmäßig und prüfte meine Fettröllchen. Ich fand mich die meiste Zeit über zum Kotzen. Ich verabscheute mich und hasste meinen Körper, der einfach nicht richtig war. Ich fand mich nie dünn genug. Schon spannend, nicht wahr? Schließlich schreibe ich so positiv über meinen Umgang mit der Erkrankung und das Annehmen des eigenen Körpers und sich verändernder Gelenke. All das konnte ich auch damals akzeptieren – das war völlig losgelöst davon, wie ich meine Figur betrachtete. Veränderungen durch die Krankheit ja – Veränderungen durch Fett nein. Und warum? WA-RUM? Auf diese Frage habe ich heute noch keine Antwort.

Ich habe es geliebt, Regeln und Pläne aufzustellen, Grenzen und Verbote zu setzen. Ich habe es geliebt, dass mir oft schlecht war vor Hunger – dann war ich GUT und hatte es IM GRIFF. Ich habe es geliebt, dass es mich fror bis auf die Knochen, weil ich mir nicht genug Energie zuführte. Ich habe es geliebt, mich selbst zu bestrafen. Es ging so weit, dass ich mich nur gut fühlte, wenn mir kalt und ständig leicht schwindlig war. Dann wusste ich, ich konnte nicht zunehmen. Doch egal, was ich tat – es war nie gut genug.

Ich hatte ständig Heißhunger und unkontrollierte Fressanfälle, als ganz natürliche Reaktion, der Überlebensmodus meines Körpers. Dem entgegen setzte ich kontrollierte Cheat-days. Ich dachte, an den Tagen, an denen ich mir das Essen erlauben würde, könnte ich auch wieder zur Normalität finden, normal essen und würde die getriebenen Attacken abfangen. Doch ich ertrug dieses Gefühl nicht, satt bzw. voll zu sein. Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck und eine Versagerin, und hatte noch mehr Grund, mich selbst zu bestrafen. Wenn Ablenkung durch Bücher oder Sport nicht half, dann nahm ich Abführmittel, um wieder Leere in mir zu spüren. Einmal habe ich sogar versucht, mich mutwillig zu übergeben. Ich bin unbeschreiblich dankbar, dass es nicht geklappt hat, und ich habe es nie wieder versucht.

Tipping point 3 – Je weniger ich wiege, desto besser für meine Gelenke.

I told another lie today
And I got through this day
No one saw through my games
I know the right words to say
Like “I don't feel well”,
“I ate before I came”.

Hast du genug? Denkst du, das ist schon das Ende der Fahnenstange und schlimmer kann es nicht mehr werden. Weit gefehlt! Ich war unglaublich erfinderisch und habe mein Zwangsverhalten auf eine völlig neue Ebene gehoben.

Den größten Shift machte ich, als ich begann, mein Zwangsverhalten mit dem Rheuma zu rechtfertigen. Eine Lüge, die so perfide war, dass mir niemand mehr in die Quere kommen konnte. Ein giftiges Spinnennetz, das ich gesponnen habe, um meinen Selbsthass zu schützen. Ich schob das Rheuma vor, ich missbrauchte es, begann immer wieder das Märchen zu verbreiten: je weniger ich wiege, je besser für meine Gelenke. Als ich 2010 mein neues Sprunggelenk bekam hatte ich die perfekte Ausrede – je leichter ich bin, je länger hält die Endoprothese. Reine Physik! Absolute Logik! Ich wurde sehr erfinderisch. Auf mein Gewicht, mein Essverhalten oder meine immer mehr an mir hinabhängenden Klamotten angesprochen behauptete ich, das kommt vom Enbrel, ich habe keinen Hunger, das ist der Stress, mir geht es gut. Mein Glück oder mein Pech war, dass ich kaum gesundheitliche Probleme vom zu wenig Essen hatte. Sonst hätte etwas oder jemand mich früher gestoppt.

Es ging immer nur um Kontrolle, und ich hatte ein großartiges Argumentarium!

  1. Wenn ich abnehme kann ich mich selbst mehr lieben, denn wenn ich dünner bin bin ich schöner und passe mehr “dazu” (hineinpassen – in die Hose, in die Gesellschaft).
  2. Wenn ich mein Essen kontrolliere kontrolliere ich meinen Körper und damit meine Krankheit.
  3. Je weniger ich wiege desto besser für meine Gelenke.

Irgendwann glaubte ich die Lüge beinahe selbst. Ich log mir in die Tasche, dass ich mit der Kontrolle über mein Essverhalten Kontrolle über meine Krankheit haben wollte. Doch es geht noch tiefer. Es geht immer tiefer. Ein Teil in mir wusste ganz genau, was ich da tat. Du kannst dich selbst nicht belügen – du kannst dir Dinge solange einreden, bis du meinst, sie zu glauben, doch deine Seele kennt deine Wahrheit. Deine Seele weiß, es geht in Wahrheit weder um deine Figur noch um das Rheuma, weder um die Nahrungsmittel noch die Gesundheit. Bei mir ging es immer um Kontrolle. Kontrolle über mein Selbst.

Warum ist mir Kontrolle so immens wichtig? Woher kommt die Kontrolle als “mein Thema”?

Ich glaube heute, über die Kontrolle, Struktur und klare Regeln wollte ich meine Gefühle und meine Persönlichkeit kontrollieren – da ich aufwuchs in dem Glauben, anders zu sein und nicht richtig reinzupassen. Im Kindergarten riefen sie mir “lahme Ente” nach. Auf dem Gymi schrieb meine angeblich beste Freundin nieder, ich hätte “verkrüppelte Finger”. Ich war “Sataaan”, weil ich Gothic liebe und insgesamt konnte ich mit Gleichaltrigen nur schwer gemeinsame Themen finden. Ich habe mich so unsicher in meinem Leben gefühlt. Ich muss mich beherrschen, um nicht die Beherrschung zu verlieren.

Tipping point 4: Was tue ich mir da eigentlich an?

There are days when I'm okay
And for a moment
For a moment
I find hope.

All was, ich oben beschrieben habe, floß in Wellen nahtlos ineinander über, kreiste um sich, verstärkte mal dieses, mal jenes Symptom, mal diesen, mal jenen Aspekt meines gestörten Essverhaltens. Es war kein Schlimmer-Werden, keine Eskalation von einer Stufe zur nächsten, eher ein Köcheln oder Aufblitzen.

Es gab Phasen, in denen meine Dämonen schlummerten. In meinem Leben wurden andere Dinge wichtiger und nahmen mehr Raum ein. Als ich vegan wurde waren Probleme mit dem Essen absolut kein Thema, im Gegenteil – ich entwickelte eine neue Freude daran, da Essen mit einem höheren Ziel verbunden war. Dann gab es Phasen, in denen die Flüsterstimmen wieder laut wurden, die mir durch mich selbst Verbote auferlegten und mich in alte Verhaltensweisen flüchten ließen. Nicht mehr ganz so extrem, aber dennoch angespannt.

Rückblickend weiß ich, dass ich mich immer dann in diese Zwangshandlungen geflüchtet habe, wenn ich mich unter Druck gesetzt fühlte, wenn mein Leben scheinbar unkontrollierbar wurde und auseinanderzubrechen drohte. Es tat gut, wenigstens in einem Bereich die Kontrolle über mich zu haben. Ein Teil von mir hieß sie gerne wieder in meinem Leben willkommen. In meinem Geist, in meinen Gedanken, in meinem Bewusstsein. Been there, done that. Ich war gut im Hungern. Ich kannte die Tricks. Es waren bekannte Pfade und bequeme Schuhe.

Die Wahrheit ist, man ist einer Essstörung nicht ausgeliefert. Du bist nicht fremdgesteuert und es ist nicht wahr, dass du nichts dagegen tun kannst. Irgendwann ist es eine Wahl. Irgendwann entscheidest du, wieder “rückfällig” zu werden. Für mich gibt es keine passiven Rückfälle, nur aktive Entscheidungen – auf welcher bewussten Ebene auch immer. Beim allerersten Mal weißt du vielleicht noch nicht genau, was mit dir geschieht – aber irgendwann kennst du deine Trigger und dein Verhalten ganz genau und begibst dich bewusst auf diesen Pfad.

Nachdem das Enbrel 2014 den Nebel in meinem Kopf aufgelöst hatte fiel ein Dominostein nach dem anderen um. Ich erkannte, wie mein Leben sein kann, wie ich sein kann, mit einem klaren Geist und ohne Schmerzen. Ich erkannte, ich will dieses gestörte Essverhalten, diese Zwangshandlungen und dieses negative Selbstbild nicht mehr. Ich wollte Freiheit und ich entschied, dass ich das loswerden möchte. Ich hatte es mir ganz allein antrainiert – ich konnte es mir auch ganz allein wieder abtrainieren.

Für meine damalige Entwicklungsstufe war das eine beachtliche Leistung, ein Kraftakt und ein Sprung ins kalte Wasser, auf eigene Faust auf einem steinigen Weg in unbekanntes Terrain mit neuen und noch ziemlich unbequemen Schuhen. Ich habe damit erst Irritation ausgelöst, meine Familie sorgte sich wegen meiner Gewichtszunahme, weil ich nicht aktiv darüber gesprochen habe. Eines ruhigen Abends erzählte ich so schmerzarm wie möglich, was ich mir angetan hatte, und was ich nun nicht mehr tun wollte.

Ich begann, mich mit intuitiver Ernährung zu beschäftigen. Eine völlig neue Welt tat sich auf – je mehr ich mich selbst akzeptierte, lernte, meinem Körper zu vertrauen, je mehr ich die Zwänge verschwinden ließ, je klarer wurde mein Geist, je mehr Energie hatte ich für andere und wirklich wichtige Dinge im Leben zur Verfügung. Ich war ein neuer Mensch!

Zu dieser Zeit hätte ich noch viel tiefer gehen müssen. Eine reine Verhaltensänderung hilft langfristig nicht, man muss die negativen Gedanken und Glaubenssätze an der Wurzel packen. Liebe ich mich genug, um es mir wert zu sein, all diesen Ballast aufzuarbeiten?

Tipping point 5: Der Kortison-Horror.

I need you to know
I'm not through the night

Some days I'm still fighting to walk towards the light

Es tut mir nicht leid, dass meinem Werkzeugkasten damals noch ein paar Tools gefehlt haben. Im Gegenteil, ich bin dankbar, dass ich nun eine zweite Chance bekomme habe, weiter zu wachsen und mich weiter zu lieben. Die neueste Episode dieser unrühmlichen Geschichte kennt ihr – ihr wart live dabei.

Konfrontiert mit der möglichen Gewichtszunahme durch das Kortison geriet ich derart in Panik, dass ich nicht den Weg des Vertrauens in meinen Körper gegangen bin, sondern mich in die vermeintliche Sicherheit der Kontrolle rettete.

Es ist keine wirkliche Sicherheit, die ich mir gegeben habe. Ich habe mich in ein Korsett gezwängt und dachte, das gibt mir Stabilität. Ich habe mich in alte Muster gedrängt, Schuhe, die ich kenne und die mir bequem sind. Als Strohhalm, um mich in einer völlig neuen Situation ohne Halt und ohne Netz oder doppelten Boden an etwas klammern zu können.

Dabei redete ich mir die ganze Zeit ein, es seien die Hormone, die die Gelüste pushen etc. pp. In Wahrheit habe ich diese Gelüste selbst heraufbeschworen, habe mir eingeredet, dass alles wieder so verlaufen wird wie bei der letzten Kortisoneinnahme 2010. Ich habe mir so viel zu Unrecht verboten. Ich habe dieses → Ernährungstagebuch geschrieben, weil ich mir selbst durch das Aufschreiben beweisen musste, dass das schon so in Ordnung ist was ich da tue. Ich habe mir vorgegaukelt, es könnte auch für euch hilfreich sein. Dabei ging es immer nur um mich… Nehmt mich hier bitte nicht zu eurem Vorbild – außer, ihr wollt daraus etwas lernen! Irgendetwas in mir wusste, ich bin zu streng mit mir, und doch habe ich mich wieder diesem Zwangsverhalten ausgesetzt. Mein Innerstes war sich von Anfang an bewusst, dass ich hier mit dem Feuer spiele.

Eine kleine Ecke in mir hat den strengen Ernährungsplan unter der Kortisontherapie geliebt – endlich wieder ins geregelte Essverhalten gehen, endlich wieder Kontrolle! Kontrolle ist wirklich und wahrlich “mein” Thema! Anstatt mir zu vertrauen entschied ich, dass mein Verstand die Kontrolle übernehmen soll. Das war der Bruch. Es ging bereits wieder ums weniger wiegen, um das “Hey, ich kann die Ernährungsumstellung auch zusätzlich nutzen, um so ganz nebenbei ein paar Kilos zu verliere”. Der Stolz sollte auf dem “das Beste aus der Therapie herausholen” und “so unbelastet und ausgeglichen durch die Therapie durchkommen” liegen – nicht auf der Gewichtsabnahme. If it ain’t broke, don’t fix it. Ich wusste schon, warum ich in meinem  → Kortisontagebuch nicht aussprechen wollte, dass ich abgenommen habe… wo doch “jeder sagt”, dass man mit Kortison zunimmt. Weil ich erstens einen falschen Stolz in mir gespürt habe (das hätte mein erstes Warnzeichen sein sollen) und weil sich zweitens schon mein Fokus verschoben hatte. Und nein, es waren nicht die Pickel in meinem Gesicht, die dieses Gefühl von “ich finde mich zum kotzen” getriggert haben. Ich hatte die Verbindung zu meiner Intuition, zu mir selbst verloren.

Meine Worte sind so bitter und sie tun weh. Selbst heute noch. Alles schmeckt nach Selbstverachtung und Selbsthass. Während ich das alles schreibe fühle ich mit jeder Faser, wie sehr ich mir weh getan habe. Wie getrieben ich war, wie völlig neben mir, wie so weit weg von meinem wahren Kern. So weit weg von der Liebe. Ja, es ist wahr – ich habe aus Selbstzweifeln viel Scheiße gemacht.

Und doch geht es um mehr. Es geht immer um mehr und es geht immer tiefer. Es geht nicht um mein Essverhalten – das habe ich nur oberflächlich zu einem Problem gemacht, um mich den wahren Sorgen darunter nicht stellen zu müssen. Meine Eltern sagten mir zu Beginn meiner Kortisontherapie, dass es doch nicht schlimm wäre, ein paar Kilos zuzunehmen. Menschen aus der Rheuma Liga sagten mir, ich solle nicht zu streng mit mir sein und auch mal nachgeben, wenn ich es brauche. Für mich war das ein absolutes No-go. Es war der Kontrollverlust, den ich fürchtete – wenn ich die Kontrolle über mein Essverhalten verlieren würde würde ich die Kontrolle über meinen Körper verlieren. Wenn ich die Kontrolle über meinen Körper verliere würde ich die Disziplin verlieren. Wenn ich die Disziplin verliere, würde die Therapie nicht funktionieren und die Welt würde einstürzen.

Heute: Du wirst geliebt und du kannst nichts falsch machen.

You should know you're not on your own
These secrets are walls that keep us alone

I don't know when but I know now

Together we'll make it through somehow

Vielmehr, als dass ich mit meinem Verstand weiß, was mich zu diesem Punkt geführt hat, fühle ich, dass ich nun auf dem für mich richtigen Pfad bin. Es ist ein heilsamer Mix aus “hit rock bottom”, Selbstliebe, Egosezierung, Glaubenssätze überdenken und loslassen, Vertrauen, Gefühle und Energien fließen lassen. Im Frühjahr dieses Jahres ganz unten anzukommen war wichtig – es hat alles ins Rollen gebracht.

Ich entdecke gerade erst neu, was da noch alles an nicht-aufgearbeitetem “Schmutz” in mir verborgen ist, wie er mein Verhalten beeinflusst und wie ich ihn abwaschen, auflösen und loslassen kann. Also, zu guter Letzt – legen wir alles frei: Warum habe ich dieses gestörte und zwanghafte Essverhalten entwickelt?

Ich habe irgendwann die Überzeugung in mich aufgenommen, nicht gut genug zu sein. Ich habe irgendwann die Verbindung zu mir selbst verloren, die Selbstliebe und Selbstwertschätzung in den Wind geworfen und alles dafür getan, um jemand anderes zu werden, weil das, was ich war, in meiner Überzeugung falsch war.

Diesen Gedanken reiße ich nun mit der Wurzel aus, je tiefer ich gehe und je mehr ich in neuen Gewohnheiten leben. Ich befreie mich immer mehr aus Zwängen, aus dem, was ich nicht bin, von dem, was ich nicht mehr brauche, was mir nicht mehr dient und von dem, was mir schadet.

Zukunft: Heilung.

I need you to know
That I'll be okay

Together we can make it through another day

Heilung bedeutet, Körper Geist und Seele in Einklang zu bringen.

Es gibt all diese Zusammenhänge zwischen meinem Seelenplan, meinen Gefühlen, meinen Rheumasymptomen, meinen Überzeugungen, meinem Essverhalten, meinem Körperbild… eines führt zum anderen, alles macht mich zu dem, was ich heute bin. Alles hat mich an den Punkt gebracht. Alles war gut so.

Schmerz ist der Nährboden für Wachstum. Wir können nicht heilen, solange wir leugnen, verletzt zu sein. Es tut mir leid, was ich meinem Körper angetan hab. Ich vergebe mir selbst. Ich habe meinen Dämonen tief in die Augen geschaut. Ich kenne sie gut, sie gehören zu meiner Vergangenheit, aber sie kontrollieren mich nicht länger. Die Stimme ist noch in mir, und vielleicht wird sie immer ein Teil von mir sein. Doch ich werde so leben, dass sie sprechen darf, doch ich ihren Worten nicht folgen muss. Ich heile und ich werde heile.

Healing doesn't mean the damage never existed.
It means the damage no longer controls our lives.

Nimm dein Spielbild zurück, um ganz zu werden und zu wachsen. Every body is beautiful. Dein Körper ist jetzt schon schön. Die Frage ist, ist er gesund? Wenn nicht, was will er dir sagen? Du machst selbst etwas aus dem, was dir passiert ist. Egal was war – ich bin noch hier. Und ich kann mich wieder zusammensetzen.

So I'm letting go.

Geschrieben und veröffentlicht am 29.12.2019.
Aktualisiert (einen Tippfehler ausgebessert) am: