Transformation

Alles, was ich denke und fühle
alles, was ich sage und tue

alles, was ich bin
trägt zu meiner Heilung bei.

Die beiden letzten Beiträge → Reflektion und → Aktion waren der Blick zurück und die Bestandsaufnahme im Hier und Jetzt. Nun verbinde ich beides für euch, setze euch ins Bild und erzähle euch, was dieses unglaubliche 2019 mit mir gemacht hat:

Es war einmal eine junge Frau, die auszog, sich selbst zu finden.

Die Reise begann mit meinem entzündeten linken Auge, der Kortisontherapie und meiner Reaktion darauf. Ihr kennt den Anfang der Geschichte, ihr kennt meine Kortison-Tagebücher. Ich habe mir ein strenges Programm auferlegt, um meiner Angst vor den Nebenwirkungen Herr zu werden, getrieben von Verbissenheit und eiserner Disziplin. Das Einteilen in erlaubte und verbotene Nahrungsmittel, das Unterdrücken meines Hungers und das Aushalten, mit knurrendem Bauch ins Bett zu gehen – damit triggerte ich das Wiederaufflammen eines gestörten Essverhaltens.

Je länger wir ein Verhalten üben, je mehr geht es ins Unterbewusstsein über und wird letzten Endes zum Automatismus. Ich weiß aus jahrelanger Erfahrung, wie man restriktiv isst und trotzdem weitermacht. Been there, done that. Es ist ein ausgetrampelter Pfad, es sind ausgelatschte Schuhe, in denen ich mich wohl fühle. Weil es bekanntes Terrain ist. Ich war mir dessen voll bewusst und lange Zeit achtete ich auf meine Gedanken. Doch irgendwann konnte ich nicht aus meiner Haut. Und irgendwann verlor ich die Kontrolle über meine Kontrolle. Als ich das Bewusstsein aufgab und auf Autopilot schaltete, legte es den Schalter um.

Ich habe mich täglich auf die Waage gestellt. Ich habe eine Kalorientracker-App installiert und mein Essen abgewogen, um die exakte Anzahl an Kalorien eingeben zu können, und den Verbrauch durch das Nordic Walking, Spazierengehen, Haus- und Gartenarbeit. Mein Beweg-Grund war irgendwann nicht mehr das Wohlfühlen und das Auspowern, um meine Ängste wegzulaufen, den Cortisolspiegel zu senken und meine Stressresistenz zu erhöhen, sondern das Kalorienverbrennen. Ich verlor tatsächlich an Gewicht, kein Wunder bei diesem Verhalten, und ich habe irgendwann wieder diesen altbekannten falschen Stolz darüber in mir gespürt. Das war das erste Warnzeichen, die Ampel stand schon auf gelb und ich wollte es nicht sehen. Ein Warnzeichen, weil sich da schon mein Fokus verschoben hatte – im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Spiegelbild veränderte sich. Ich sah mich wieder mit Makeln, Problemzonen, hier nicht genug und da viel zu viel. Es gab Tage, da fand ich meinen Anblick buchstäblich zum Kotzen. Das zu schreiben schnürt mir die Kehle zu vor Trauer um mich selbst, um meine wunderbare Seele, die sich selbst nicht lieben konnte.

In diesem Zustand aus zu wenig Nahrungsenergie, Zwang und Selbsthass geriet ich in unfassbare Gefühlsschwankungen und manövrierte mich schließlich in eine massive depressive Verstimmung. Irgendwann holten mich auch die Bachblütentropfen nicht mehr daraus hervor. Es ging mir richtig dreckig. Ich hatte durch das ständige Kämpfen gegen mich selbst meine Kräfte erschöpft. Ich trieb in einem Ozean, ausgeliefert, hoffnungslos und ohne Kontrolle über meine Gedanken und Gefühle. Das war der Moment, in dem die Ampel auf rot schaltete und ich trotzdem weiterfuhr. Wo ich immer noch nicht einsehen wollte, was ich mir antat.

Ich lenkte mich ab, so gut es ging. Ich versuchte, mich auf das zu konzentrieren, was meine Stimmung hob und wofür ich dankbar sein konnte: unser Zuhause, der Garten, Musik. Schließlich hängt das Glück von der Beschaffenheit unserer Gedanken ab und ich wusste ganz genau, dass ich mir selbst nicht machtlos ausgeliefert war; dass meine Realität aus mir selbst entsteht und dass eine Ecke in mir sich auch schlecht fühlen wollte. Nachdem die schlimmste Phase vorbei war sah ich ein, dass etwas passieren musste. Ich wollte einen Abschluss finden und nahm mir fünf Tage frei. Ich schrieb alles auf: Was ist passiert? Was hat es mit mir gemacht? Was habe ich gefühlt? Was nehme ich für die Zukunft mit? Zur letzten Frage notierte ich mir Stichpunkte in meinem “Re-member”-Kalender, einem kleinen Notizbüchlein, in dem ich prägende Ereignisse und Erkenntnisse festhalte. Ich ließ all die Zettel durch den Shredder, atmete tief durch und fokussierte mich auf die Zukunft. Ich hatte eine der obersten Schichten entzwiebelt und verstanden:

Steh dir nicht selbst im Weg, grüble weniger und lebe mehr.

Kurze Zeit später begab ich mich bei Spotify auf die Suche nach einem Fitness-Podcast – mit der festen Absicht, mich weiter zu “optimieren”. Was dann passierte war meine Rettung und ein Weckruf, der es in sich hatte: Ich fand den Wohlfühlgewicht-Podcast. Mareikes Erfahrungen, Gedankengänge, Zwangshandlungen und ihr negatives Selbstbild hätten eins zu eins von mir sein können! Ich hörte den Podcast acht Stunden non-stop und war in meinen Grundfesten erschüttert. Es sickerte nun endlich in mein Bewusstsein durch. Ich ließ endlich zu zu begreifen, was ich getan hatte. Ich begriff, wohin ich mich gebracht hatte, wie unbewusst und benebelt ich die letzten Wochen “gelebt” hatte. Was ich hatte nicht sehen wollen. Der Podcast triggerte mich über das oberflächlich und vorgeblich sichtbare Thema des Abnehmens und brachte mich durch Beiträge über intuitives Essen, Selbstliebe, positive Lebensführung und mentales Training wieder zu meinen Wurzeln zurück. Zu der wahren Natascha hinter all dem Dreck, den ich um mein inneres Strahlen gelegt hatte. Hinter den Mantel der Düsternis. Ich war wachgerüttelt.

“Ich dachte, das ist vorbei” sagte mein Mann, als ich ihm meinen Zustand offenbarte. Ja, das dachte ich auch. Ich dachte auch, ich wäre darüber hinweg. Die Wahrheit ist, dass das, was wir unbedingt lernen wollen, so oft wiederkommt, bis wir es wahrhaftig lernen. Ich dachte, ich hätte den Weg hin zu mir und der absoluten Akzeptanz meines Körpers bereits gefunden, damals vor rund fünf Jahren, als ich beschloss über mein gestörtes Essverhalten hinwegzukommen. Ich hatte sehr wohl Strategien entwickelt, mich selbst und meinen Körper zu akzeptieren, und konnte auch jahrelang aktiv angehen gegen die Flüsterstimme in mir, die mir Verbote und ein negatives Selbstbild einschwatzen wollte. Jedoch habe ich nicht tief genug nach den Ursachen gegraben. Heute erst weiß ich, da lag noch unendlich viel mehr darunter.

Die Kortison-Depression ist zu einer Transformation geworden. Das ist die Erfahrung, die ich machen wollte. Das ist es, was ich mir selbst aufgezeigt habe. Ich musste erst “außer mir” sein, um mich wiederzufinden. Es war der Moment, als der Schlüssel ins Schloss gesteckt und zaghaft umgedreht wurde, zu den Türen in mir, die geöffnet werden wollten. Türen, durch die ich Gefühl herein- und noch nicht Aufgearbeitetes herauslassen kann. Das ist die tiefere Botschaft, die Schicht unter der Schicht: dass ich den Kontakt zu meiner Selbstliebe verloren und das Vertrauen in mich aufgeben habe. Statt nach meinem Bauchgefühl und den Botschaften meines Körpers zu gehen, statt von innen nach außen zu gehen, zu vertrauen, dass ich gut durch die Therapie komme, wenn ich auf meine Intuition höre, habe ich mir von außen ein starres Gerüst auferlegt; Regeln, Verbote und Zwang.

Es reicht mit dem Kämpfen gegen mich, es reicht mit der Kontrolle, es reicht mit dem “mich zusammenreißen”.

Denn das ist nur ein anderer Ausdruck ist für Unterdrücken und Beiseite schieben; und am Schluss reiße ich mich wirklich zusammen, nämlich: auseinander. Ich löschte die App, verbannte die Waage auf den Dachboden. Ich lernte das intuitive Essen von neuem und diesmal grundsätzlich richtig, indem ich an die unbewussten Vorgänge, Handlungen und Glaubenssätze in meinem Denken angegangen bin, mich ihnen stellte (und immer noch stelle) und an ihnen arbeite. Ich fing an, das komplette Ausmaß der Verdrängung Stück für Stück zu begreifen und aufzulösen. Das alles tat ich ganz für mich. Auf mich selbst zurückgeworfen bin ich am stärksten. Seelenthemen sind ein “inside job”, bei dem selbst Hilfe von außen nur Stupser in die ein oder andere Richtung geben kann. Machen, ins Tun kommen und Veränderung leben, kann man nur aus sich heraus. Geleitet durch die Podcasts und Meditationen war ich ohnehin nicht allein – und außerdem seid ihr hier bei mir, lest diese Zeilen und hört mir zu. Was könnte ich mehr wollen?

“Heb Dr Sorg” – “Trage Sorge für dich”. Das wünschen meine Schweizer Freunde einem Menschen, zu dem sie eine wirkliche Verbindung aufgebaut habe und den sie schätzen. Wunderschön und mit so viel Tiefgang. Selbstfürsorge und Selbstliebe. Ich gab endlich wirklich auf mich acht und tat das alles in aller Bewusstheit und Achtsamkeit, die mir möglich war und die ich aufbringen konnte. Es braucht tägliches Training und täglichen Input, um diese inneren Muskeln zu stärken. Nach und nach, je mehr ich mich traute, je besser wurde ich, je aus geglichener wurde meine Stimmung, je mehr begann ich, Verantwortung für mich, meine Gedanken, meine Gefühle und damit meine Lebensfreude zu übernehmen. Ich zog mich selbst aus dem Tief. Ich fing an, neue Routinen zu leben, von denen ich euch im Beitrag → Aktion erzählt habe. Ich meditierte, setzte neue Werte fest und verband mich täglich mit diesen Werten, fing an destruktive Glaubenssätze abzubauen und neue bestärkende Glaubenssätze schaffen, bastelte mir ein Essspektrum-Armband und begann, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen.

Jeder kommt auf seinem Weg, mit seinem Thema, sich selbst, seinem wahren Kern und damit dem Sinn seines Lebens näher.

Das passiert, wenn man zulässt, tiefer und tiefer zu gehen, Schicht um Schicht freizulegen. Das ist die Botschaft unter der Botschaft unter der Botschaft, bis man am Kern ankommt. Und dort wartet immer die Angst, egal, welchen Namen sie trägt. In mir brannte ein starkes Bedürfnis, diese Ängste anzugehen. Aufzudröseln, was mich triggert, steuert, meine Muster zu ergründen, mich ehrlich und ohne Bewertung meiner Vergangenheit zu stellen. Schließlich musste all das, was ich heute tat, was ich mir antat bzw. nicht genug für mich tat, irgendwann einmal aus irgendeiner Erfahrung entstanden sein. Ich begann, mich endlich schonungslos ehrlich mit mir selbst auseinander zu setzen. Ich hatte die Quelle gefunden, tief gegraben und nun sprudelte es. Ich schrieb, schrieb, schrieb... so vieles kam hoch, Schnipsel und Fragmente aus der Kindheit und Jugend, und ich schrieb und schrieb. Es war die völlige, vollkommene Hingabe und das Vertrauen in den Prozess, der Beginn der Aufräumaktion, und die Aufgabe der Kontrolle darüber, diesen Prozess irgendwie beeinflussen zu wollen. Ich floss.

Die Reise ging nach innen und sie ging tief. Und hell yeah – das brachte alles ins Rollen.

Ich begann die Blogbeiträge der letzten 2.5 Jahre durchzulesen (→ Reflektion) und erkannte, wie sich die Sicht auf “mein Rheuma” entwickelt hat. Als Kind war es ein diffuses Gefühl, kein wirkliches Krankheitsbewusstsein. Eher etwas, das mich von außen quält. In der Schulzeit und Pubertät habe ich dann den “Kampf dagegen” begonnen, war hart zu mir, habe die Krankheit wegge- und unterdrückt, sie ignoriert und abgelehnt. Es war die Zeit, da habe ich die Krankheit beiseitegeschoben und mein Leben durch andere Augen gesehen: Durch die eines Teenagers, der dazugehören will; durch die eines Lehrlings, der sich selbst zurückstellen und Belastbarkeit zeigen will; durch die einer Mitarbeiterin, die keine Ausnahmen und nicht negativ auffallen will. Mit dem ersten Biological 2014 und einer neu-gewonnen spirituellen Sicht auf die Welt habe ich mich dazu entschiedenen, das Rheuma als Teil meines Lebens zu akzeptieren und aus ihm meinen lebenslangen Begleiter zu machen. Ich lernte, offen damit umzugehen, über die Krankheit zu sprechen. Als ich im März 2017 rheumatopia erschuf wollte ich mit meiner positiven Botschaft in die Welt hinaus: Wie gelingt es einem chronisch kranken Menschen, so glücklich wie möglich mit dieser Krankheit zu leben? Ich habe das Rheuma vor mir hergetragen, mich immer mehr damit identifiziert, aus ihm das Label der “unsichtbaren” und “unheilbaren” Krankheit und einen Lifestyle gemacht für ein Publikum – es war zu einem großen Teil ein Egotrip.

Ich überschritt die Grenze von der Akzeptanz zur Verinnerlichung.

Eine gute Bekannte meinte auf die Veröffentlichung der Kortison-Tagebücher hin, ob ich mich nicht vielleicht zu viel mit meinem Rheuma beschäftigen würde. Das versetzte mir zu dieser Zeit einen derartigen Stich, ich fühlte mich unverstanden und ob des Ausmaßes meiner Belastungen nicht ernst genommen. Ich machte ihr innerlich große Vorwürfe, trat die Flucht nach vorne an. Andere in ihrem Verhalten kritisieren und Schuld zuweisen, um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Erst heute spüre ich, warum mich dieses Erlebnis so nachhaltig aufgewühlt hat. Das Ungesunde war nicht, dass ich mich in dieser Phase des Leidens intensiv mit meiner Krankheit auseinandergesetzt habe, sondern, dass ich mein Leben gefiltert habe: Ich habe es nur noch mit meinen Rheuma-Augen, nur durch die Augen der Krankheit gesehen. Ich habe alles auf mich als rheumakranker Mensch bezogen und es durch diese Brille bewertet. Scheuklappen! Das alles beobachtete ich, schrieb es auf, schrieb es aus meinem Herzen und von der Seele, ließ es rausfließen. All das war vollkommen in Ordnung zu dieser Zeit in meiner Entwicklung. Ich verzieh es mir, verzieh es meinem Ego, denn ich hatte das Beste getan, was damals möglich war. Und darunter liegt eine Wahrheit, die in der Phase meines Umbruchs so schmerzhaft war, dass sie ausgesprochen werden musste, damit ich heilen konnte:

Ich weiß nicht, wer ich ohne mein Rheuma bin und ich habe Angst davor, ohne mein Rheuma zu sein.

Etwas, das ich mir nie eingestehen wollte. Warum? Weil das Rheuma, seit ich es als meinen Begleiter und Lehrmeister akzeptiert habe, zu meiner Kraftquelle geworden ist. Weil ich mich davor fürchte, die Quelle meines sisu zu verlieren, wenn das Rheuma verschwindet. Damit beschränke ich mich jedoch selbst in meinem Potenzial, in dem, was möglich ist. Ich gehe immer nur soweit zu sagen, ich habe diese Krankheit und tue so viel wie möglich für meine Gesundheit. Wäre es nicht heilsamer einen Weg zu gehen, der die Aussage umdreht: Ich tue so viel wie möglich für meine Gesundheit, seelisch, geistig und körperlich, und lasse damit eines Tages, wenn ich genug gelernt und genug Vertrauen aufgebaut habe, meine Krankheit los – weil ich sie nicht mehr brauche?

Auch, wenn ich in Beziehungen, in der Arbeit, bei meiner Persönlichkeitsentwicklung tiefer gegangen bin – das Rheuma, die Krankheit, dass sie nie “weggeht” und das Beste, worauf ich hoffen kann ist, dass sie eventuell einmal “schläft” – das war für mich immer in Stein gemeißelt. Ich sah den Weg aus sich abwechselnden Phasen von Remissionen und Schüben vorgezeichnet. Von Anfang an erzählte ich mir, dass es eine unheilbare Krankheit ist, ein lebenslanger Begleiter. An die Frage, was braucht es, um wirklich zu heilen, hab ich mich nie herangetraut. Je mehr ich mich nun mit mir selbst auseinandersetzte, mit den Ursachen, die mich in die Depression geführt hatten, die Muster, die mein Selbstbild geprägt hatten, die Glaubenssätze über mich, mit denen ich mich eingeschränkt habe, den Egotrip, über den ich mich definiert hatte, mit dem ich Aufmerksamkeit im außen gesucht habe statt in die volle Verantwortung zu gehen und in absoluter Selbstliebe für meine Bedürfnisse aus mir selbst heraus zu sorgen – je mehr ich aufdeckte und mich neu orientierte, desto mehr Fragen drängten sich mir auf.

Wenn ich immer nach Gesundheit strebe und daran glaube, dass unsere Seele alles heilen kann – was hält mich davon ab, wirklich gesund zu sein? Wenn das der Weg meiner Seele ist, brauche ich mein Rheuma noch und wenn ja, wofür? Was hält mich davon ab, es komplett loszulassen? Wer bin ich ohne das Rheuma? Wer bin ich, wenn ich keine Schmerzen habe? Was gilt es in meinem Leben zu heilen?

Meine Seele hat mir diese Fragen immer und immer wieder gestellt, und nun musste ich also erst diese Kortison-Depression zu mir ziehen, um aufzubrechen. Ich habe bisher immer nur an der Oberfläche dieser ganzheitlichen Ansätze gekratzt. Dieser Prozess, in den ich mich mit Freude und Angst begeben habe, riss mich mit sich in einen wundervollen Strudel aus Ehrlichkeit zu mir selbst, brachte mich Stück für Stück zu meinem wahren Kern zurück. Ich werde mir nichts mehr vormachen. Ich bin milde mit mir, vertraue mir und ich traue mich, tief zu graben und mir diese unbequemen Fragen zu stellen. Ich will so tief wie möglich gehen und meine Krankheit hinter mir lassen. Diese Aussage hat verschiedene Ebenen und sie sind nicht so leicht nachvollziehen, wenn man nicht das ganze Bild betrachtet.

Ich will meine Krankheit geistig und mental loslassen.
Die erste Entscheidung war, sie nicht länger meine Krankheit, sondern diese Krankheit zu nennen. Je mehr sich die Blockaden lösten, je ehrlicher ich zu mir wurde, je mehr ich meinen Blick öffnete auf die Krankheit als eine Sammlung von Symptomen, die Botschaften bringen, als Weg und nicht als ein “ich bin”, je weniger habe ich mein Leben durch das Rheuma gefiltert. Ich bin im letzten halben Jahr gesünder geworden als ich mir je hätte vorstellen können! Ich walke dreimal die Woche knapp 5 Kilometer durch die Stadt, ich mache Gartenarbeit und putze das Haus, ich brauche weniger Schlaf und habe dennoch viel mehr Energie, meine Stimmung ist gelöster und ausgeglichener und ich strahle von innen heraus. Wenn ich Schmerzen habe, dann ist es Muskelkater oder eine unachtsame Bewegung. Wenn ich in meine Knochen hineinspüre, hineinfühle, dann fühlt es sich gesund an. Ich spüre, dass dort nichts ist. Es ist ruhig in mir, nichts reißt, nichts brennt und alles fließt. Ich bin nicht krank. Ich fühle mich vollkommen gesund.

Ich will meine Krankheit emotional loslassen.
All diese tiefgreifenden Veränderungen fanden in meinem Innersten statt, doch sie strahlten aus mir, ließen meine Vibes höher schwingen. Die Menschen in meinem Umfeld fragten mich seltener nach der Krankheit – weil es für mich weniger bis gar kein Thema mehr war. Ich glaube an das Gesetz der Anziehung: Worauf wir den Fokus legen, das ziehen wir in unser Leben. Kein Fokus auf das Rheuma? Keine Gespräche übers Rheuma! Es gab Zeiten, da hat es mir sauer aufgestoßen, wenn man sich nicht nach meiner Krankheit erkundigt hat. Ich fühlte mich als kranker Mensch nicht wahr -und ernstgenommen (!) und der Spagat, der Konflikt ging los zwischen “Ich möchte doch als ganz normal akzeptiert und behandelt werden!” und “Ich will, dass man Rücksicht auf mich nimmt!”. Und selbstverständlich führte das zu noch mehr Ablehnung, Stress und inneren Konflikten. Ich habe mir so, so weh getan. Mein Leben nicht mehr allein oder in erster Linie durch die Augen der Krankheit zu sehen war irritierend neu und intensiv für mich, aber eben – transformierend! Ich gebe mir selbst die Aufmerksamkeit, die ich im außen gesucht habe. Ich lebe einfach. So gesund, so ganz, so echt, habe ich mich noch nie gefühlt.

Ich will meine Krankheit seelisch loslassen.
Meine Geschichte ist, dass ich das Rheuma “mit auf die Welt gebracht” habe, und an dieser Tatsache kann man verzweifeln: Warum nur stößt einem unschuldigen Baby so etwas zu? Wir wissen, dass Menschen durch ungesunde und unachtsame Lebensgewohnheiten und damit einhergehenden Stress Krankheiten entwickeln, die chronisch werden können, wenn nicht rechtzeitig von innen heraus interveniert wird. Doch was für eine Möglichkeit hätte ein Kleinkind, so viel negative Energie in sich aufzubauen, dass es krank wird? Wir wissen es nicht und wir wissen auch nicht, was in meinem speziellen Fall und allgemein die juvenile idiopathische Arthritis wirklich auslöst: idiopathisch heißt unbekanntes Leiden. Ich habe meinen Frieden mit diesem Nicht-Wissen geschlossen. Schon eine ganze Weile und mindestens, seit ich Conversations with God gelesen habe, sehe ich das Rheuma als den von meiner Seele gewählten Weg, das in diesem Leben zu lernen, was meine Seele lernen will. Und dennoch – und das war der wichtige Shift in meinem Begreifen – ist meine Seele nicht das Rheuma. Ich bin weder mein Körper noch meine Gedanken, weder mein Essverhalten und auch nicht eine Krankheit. Ich bin eine Seele mit einer körperlichen Erfahrung und unendlich wertvoll.

Ich will meine Krankheit körperlich loslassen.
Wenn ich heile, wenn ich die Krankheit loslasse, wird sie nicht länger ein Teil meines Körpers sein. Sie wird eine Erinnerung sein, die mich die Stärke nicht vergessen lässt, die ich durch sie erreicht habe – mein sisu. Ich weiß, dass das eintreten wird. Ich kann das heute schon entscheiden. Und ich habe es bereits entschieden, indem ich einen grundlegend anderen Blickwinkel einnehme:

Ich bin eine gesunde Seele,
die in einem Körper wohnt, der Symptome zeigt, die wir Rheuma nennen,

und mit einem Geist lebt, der gerade erst lernt, die Botschaften dahinter zu verstehen,

um sich selbst heilen zu können.

Ich bin nun tatsächlich bei 2.5 mg Kortison angekommen, meine Rheumatologin hat mir Mitte Juli diesen Vorschlag gemacht. Meine Wahrheit dahinter ist: ich bin jetzt bereit dazu und ich habe das selbst so gewählt. Es ist sehr bestärkend zu wissen bzw. das Vertrauen wieder zu haben, dass wir immer von innen nach außen handeln egal, was passiert. Man denkt, man wird von außen nach innen gesünder, doch es ist immer umgekehrt. Alles beginnt und endet mit und in mir. Ich weiß noch nicht genau wie, ich weiß noch nicht, was es alles brauchen wird, ob ich auf dem richtigen Weg oder einem Umweg dorthin bin, welche Werkzeuge ich mir noch aneignen darf, aber ich weiß, dass ich mich auf den Weg gemacht habe, dass ich mich entschieden habe, neue Pfade zu beschreiten. Lass uns gemeinsam diese wundervolle Reise antreten! Wir werden uns nicht in Extreme begeben (eben... been there, done that). Ich werde aus dem Gesundwerden keinen Wettbewerb machen. Meine Heilung hat kein Datum. Der Weg ist das Ziel. Genießen wir den Prozess!

Klingt es für dich, als würde ich glauben, ich könnte das Rheuma heilen? Ja, das glaube ich – ich glaube das fest. Ich bin nicht die Krankheit, nicht die Vergangenheit, nicht meine Erfahrungen. Ich bin – mehr. Ich wähle neu, wer ich sein will. Wer ich bin. Ich brauche nicht ständig Schübe wählen. Nachvollziehbarerweise fällt das Loslassen und der Glaube daran, dass die Schübe irgendwann aufhören, schwer, wenn man das ganze Leben von einer Krankheit begleitet wurde. Doch die Wahrheit heißt: man hat gewählt, von ihr begleitet zu werden.

Das Rheuma ist mein lebenslanger Begleiter nur bis zu einem bestimmten Heute.

Ich schubse rheumatopia in eine neue Richtung und euch damit vielleicht auch aus eurer Komfortzone. Im Verlauf meiner letzten Beiträge habt ihr schon einen Vorgeschmack bekommen, dass ich mich mit euch zusammen nach und nach auch anderen Themen geöffnet habe, den Gefühlswelten, Liebesleben, Inspiration und Musik. Wahrscheinlich habe ich mich bis zu diesem transformierenden Jahr auch nicht getraut, mit spirituellen Themen auf euch zuzukommen, mich selbst zum wahren Ausdruck meines höchsten Selbst zu machen, einfach ich zu sein aus Angst vor... Ablehnung. Doch wir alle sind so viel mehr – wir sind alles, und nochmals noch viel mehr! Es ist ein so erhebendes und befreiendes Gefühl, sich nicht nur auf ein Thema zu reduzieren, geschweige denn nur darüber zu definieren, sich selbst nicht einzuschränken in seinem ganzen Sein. Das Leben ist ein Wunder, wenn man tief schürft.

If it takes my whole life
I won't break, I won't bend
It'll all be worth it
Worth it in the end.
[Sarah McLachlan – Answer]

Zur Einstimmung auf die nächste Etappe unserer Reise schenke ich euch ein paar neue Glaubenssätze:

Ich liebe mich selbst bedingungslos und ohne Einschränkungen.
Ich bin genug.
Ich bin wertvoll.
Ich werde geliebt.
Ich vertraue meinem Körper und höre auf seine Botschaften.
Ich höre auf meine Intuition und meine Gefühle sind meine Botschafter.
Ich übernehme Verantwortung für meine Gefühle.
Ich werde jeden Tag gesünder.

Ich heile.
Angst ist lediglich mangelnde Vorbereitung.
Mein Schmerz ist meine größte Stärke.

Das Rheuma wird mich so lange begleiten, bis meine Seele gelernt hat, was sie lernen möchte.
Ich bin unendlich.

Und hier stehe ich nun. Nach dem Kortison und der Depression, der Selbstkasteiung und der Wiedererweckung meiner Intuition, der immer stärker werdenden Selbstliebe und dem von innen nach außen leben – hier bin ich! Ich lebe – ich lerne – ich wachse – und ich liebe es. Ich beginne mit 33 Jahren und 8 Monaten nach 32 Jahren und 10 Monaten im Selbstbild eines chronisch und unheilbar kranken Menschen ein neues Leben, eine neue Sicht und ich erschaffe, er-finde (finde, entdecke!) mich neu. Alles auf Anfang. A fresh start.

Das Rheuma ist das größte Geschenk, das ich mir selbst gemacht habe, weil ich dadurch zu dem Wesen wurde, das ich heute bin. Weil ich dadurch größer werde, lerne mich selbst vollkommen zu lieben und dadurch andere Menschen bedingungslos lieben kann.

Liebe ist immer die Antwort.