Weltschmerz

Die Worte für den folgenden Beitrag habe ich schon seit beinahe einem Jahr in meinen Notizen stehen, doch heute passen sie besser denn je. Denn nicht nur in diesen Zeiten, auch schon vorher – angesichts der aktuellen Entwicklungen auf unserem Heimatplaneten höre ich von sehr vielen Menschen verschiedenster Prägungen: “Die Welt ist nicht zu retten, der Mensch ändert sich nie, die Menschheit ist schlecht.”

Das ist ein weltumspannendes Phänomen: Menschen vergraben sich in einem Weltschmerz und er lähmt sie, hindert sie daran sich um das zu kümmern, was sie direkt beeinflussen können: kleine Schritte, ihre Gedanken und Beziehungen. Ich nehme mich davon nicht aus, been there, done that! Ich kenne die Melancholie und Schwere, ich trage sie zeitweise heute noch in mir. Höhen und Tiefen sind normal und gehören zum Auf und Ab, zur Ebbe und Flut des Lebens. Doch sobald ein Tief instrumentalisiert wird ist es nicht mehr okay, dort zu verharren, dort zu bleiben. Dort unten gibt es nur Selbstmitleid, das dich nicht vorwärtsbringt.

Menschen sagen, ich mache es mir zu einfach. Ich kann doch nicht von mentalem Training, Seelenarbeit und Selbstheilung sprechen, wenn “da draußen” doch die “wahren Probleme” sind. Doch das “da draußen” ist ja gerade eine Folge von dem “da drinnen”, in uns – und wir können es nur von innen nach außen heilen. Das erlebe ich mit und durch meinen Lehrmeister Rheuma jeden Tag! Ich weiß, dass es so ist – nicht auf einer konzeptionell-gedanklichen Ebene, sondern aus tagtäglicher Erfahrung. In diesen Tagen lerne ich in einer unglaublichen Geschwindigkeit, meine eigenen Themen auf die Reihe zu kriegen und aus dem Weg zu räumen, damit ich den Menschen noch besser zuhören kann, um wirklich da zu sein. Was ich hier “durchmache” ist keine neue Form des Egotrips, kein zurückgezogener Fokus auf mich, um alles andere ausblenden, um die Augen vor der Welt zu verschließen. Es ist nötig, zuerst sich selbst zu heilen, um andere und damit die Welt heilen zu können – über die Beziehung zu uns selbst und die Beziehungen zueinander. Fangen wir also dort an, wo wir Einfluss haben.

Wir Menschen suchen immer nach einer einfachen Weltformel, um uns all das zu erklären, was passiert, und wie wir es besser machen können. Doch was nützt der Verzicht auf Tierprodukte und fossile Brennstoffe, das Sparen von Energie, die Müllvermeidung und die Einschränkung des Konsums, wenn wir nicht an der Wurzel all dieses “Übels” arbeiten – an den Ursachen, warum die Welt so ist wie sie ist, an uns selbst, weil wir durch zu wenig Liebe und Vertrauen, zu viel Ich und zu viel Angst die Welt zu dem düsteren Ort werden lassen, wie ihn viele sehen. Die Weltformel lautet: Alles entsteht von innen nach außen.

Die Welt ist ein Spiegel. Die Welt ist so, wie sie jetzt ist, weil wir selbst tief verletzt sind. Weil wir Traumata mit uns herumtragen, Blockaden, negative Glaubenssätze über uns und die Welt, weil wir uns nicht vertrauen und unser Potenzial nicht erkennen. Wir suchen im Außen, was wir im Inneren glauben nicht zu haben. Frieden im außen braucht erst Frieden im innen.

Wie gehst du nun liebevoll vor, wenn ein dir nahestehender Mensch für sich entschieden hat: “Manche Menschen werden schlecht geboren, die meisten von ihnen ändern sich nicht und darum ist die Welt so, wie sie ist.” Oder eine Followerin zu dir sagt: “Alles soll immer rosa sein und du musst positiv denken. So eine Scheiße höre ich immer. Aber das Leben ist nicht nur rosa. Man muss nur mal die Augen aufmachen und schauen was überall los ist. Nur Traurigkeit überall.”

So denken viele Menschen, gerade in diesen Tagen macht sich neben einem neuen Gefühl der Verbundenheit und der Hoffnung Resignation und Verzweiflung breit. Ich muss an meinen Beitrag → Verständigung denken und ich spüre, das sind Worte voller tiefer Verletzungen, die immer noch tiefer werden, weil durch das “wir sind so und die sind so” Abgrenzung entsteht.

Natürlich erkenne ich an, dass es Leid gibt auf der Welt. Doch ich entscheide aktiv, dass der Schmerz bei und mit mir aufhört. Dass ich ihn nicht vermehre, indem ich mir selbst und anderen Leid zufüge, indem ich in mir selbst und mit anderen zusammen mich noch mehr dem Negativen widme, indem ich die Welt nicht als einen schlechten Ort empfinde und mich nicht abgrenze von anderen, mich nicht in mich selbst verkrieche und sage, es hat doch eh alles keinen Sinn, der Mensch wird sich nie ändern. Sondern, indem ich weiter liebe. Zustimmen bedeutet nicht gut-finden, aber Frieden schließen.

Manchmal komme nicht “dran”, manchmal habe ich nicht die Kraft oder das Bewusstsein, einen Dialog auf dieser Ebene zu führen, und verbleibe am Ende bei der schwachen Aussage: Ich sehe und empfinde das halt anders. Und dennoch kann ich auch aus solchen Gesprächen lernen, noch sensibler zwischen die Zeilen, in die Pausen zwischen den Worten zu hören, um zu wissen, wann ich mit welchem Gedanken ansetzen kann, um zu versuchen Muster zu durchbrechen. Nicht, um Recht zu behalten oder jemanden zu überzeugen. Sondern um jemanden zu helfen, seine Zuversicht wieder zu entdecken. Und zu entdecken, was er eigentlich gerade braucht, damit es ihm wieder leichter wird ums Herz.

Denn auch das Positiv-Sein entsteht von innen nach außen.

Positivdenken und -sein bedeutet nicht, negative Gefühle zu unterdrücken und sie mit einer Einhorn-Mentalität aus “es ist alles rosa, es ist alles gut” zu überzuckern. Jedes Gefühl hat seine Berechtigung und seine Botschaft, auch die Traurigkeit, der Schmerz und die Verletzung. Alles darf da sein, aber es darf dich nicht beherrschen. Sonst entsteht genau der Weltschmerz, der uns lähmt, das Gedankenkarussell anschubst und uns handlungsunfähig macht.

Ich halte mich fern von Nachrichten, weil sie in mir ein Gefühl der Ohnmacht auslösen. Sie rauben mir die Energie, die ich brauche, damit ich mich auf meinen eigenen Einflussbereich konzentrieren kann. Bis vor zwei Wochen habe ich gesagt, ich spüre an mir selbst, dass mich Nachrichten nicht mehr tief betroffen machen – ein Gefühl von “I am in this world, but not of it”, das man Jesus zuschreibt. Man sagte mir, es könne nicht jeder so über den Dingen stehen wie ich, das müsse man sich leisten können, wenn man sonst keine Sorgen hat. Ich habe entschieden, mir das zu leisten, denn ich glaube daran, dass es in allem einen Funken der Hoffnung gibt, egal wie schlimm es auch sein mag. Auch, wenn man keine Nachrichten schaut, war es unmöglich nicht mitzubekommen was gerade passiert. Mein Herz ist weit offen, und mich berührt all das Leid und all der Schmerz der Menschen so, dass ich selbst zeitweise Phasen voller Tränen und Sorgen und “Was soll bloß werden” hatte. Nicht um mich selbst, sondern um die Moral von uns allen. Und dann? Dann spüre ich, dass dieses Vergraben niemandem etwas bringt. Mir nicht, meinen Liebsten nicht, euch nicht. Darum schreibe ich diesen Blogbeitrag, denn er ist auch eine Art Befreiungsschlag.

Am Ende ist alles gut. Egal ob Virus, Klimawandel, Krieg – wir entscheiden selbst, was wir wollen, wie wir leben wollen, wohin wir gehen wollen. Wenn wir entscheiden, dass wir unsere Lebensgrundlage Planet Erde zerstören – so be it. Vielleicht, um daraus zu lernen und es erneut zu versuchen. Und selbst dann, wenn wir es als die eine Version des Lebens namens Menschheit nicht schaffen, unsere Körper-Lebensgrundlage Planet Erde weiterhin für uns bewohnbar zu machen – dann findet das Leben, dann finden unsere Seelen neue Wege, wo wir es erneut versuchen dürfen.

Auf dieser Ebene mit anderen zu sprechen und dennoch down to earth zu bleiben, dennoch aktiv etwas zu tun gegen den Klimawandel, für Zero-Waste usw., klingt wie ein Widerspruch in sich. So zu denken bedeutet keineswegs, es passiert ja eh was passiert, dann ist ja eh alles egal. Es passiert genau das, was wir jeden Tag entscheiden. Jede einzelne Entscheidung eines jeden Menschen auf dieser Erde macht die Summe der Ereignisse auf der ganzen Welt. Dein Innen bewegt die Welt im Außen. Und das gibt mir die nötige Ruhe, zu erkennen, dass nicht ich alleine die ganze Welt retten kann und muss. Denn mein persönlicher Weltschmerz heißt auch, dass ich mich sehr oft für fast alles und für fast jeden verantwortlich fühlen, und alles so gut wie möglich für alle anderen machen will. Mein nobles “Wie lebe ich so rücksichtsvoll wie möglich…” im  Beitrag → Wer bin ich? wird in meiner Realität auch oft zu einem niemandem-zu-nahetreten-wollen, was echte Kommunikation schwierig macht. Ich kann nicht jeden vor sich selbst retten, und ich kann nicht die ganze Welt retten, aber ich kann mich selbst retten. Und muss es sogar, und in meiner Kraft, fähig zu handeln, meinen Beitrag leisten. Und genau darum folge ich meinem Herzen, und mache es in meinem Einflussbereich, in meiner Lebenszeit, anders.

Zurück zur Frage dieses Beitrags: Wie also kann man angesichts der aktuellen Lage der Welt einen Sinn sehen? Meine Bilanz:

Wir sind alle selbst dafür verantwortlich.
Wir tun unser Bestes – das, wozu wir momentan imstande sind.
Abgrenzung oder der Rückzug ins Private bewegt nichts.
Wir heilen, was wir beeinflussen können.
All die Negativität, das Leid, der Schmerz hat Gründe (in uns) – lösen wir die, lösen wir alles.
Wir nehmen wahr und ziehen an und vermehren das, worauf wir unseren Fokus legen.
Träumern wird Augenverschließen vorgeworfen, doch Träumen ist Vertrauen in eine andere Möglichkeit.
Das Leben geht weiter, so oder so.
Warum denkst du, du kannst nichts tun?
Was ist das Beste, das du jetzt gerade tun kannst?

Gerade jetzt und vielleicht mehr denn je ist es wichtig, dass wir positiv bleiben und in uns ruhen. Dort ist die Quelle unserer Kraft. Dort ist unser Kern, das, was uns ausmacht, unser wahres Wesen. Dort sind unsere Träume und Inspirationen, unsere Erfahrungen und unser Wissen. Dort ist das, was wir einander geben können. Ideen, neue Wege und Möglichkeiten, Zuneigung.

Wenn du verstehst, dass alles in dir ist, dass du komplett bist und liebenswert und unendlich wertvoll und mit grenzenloser Kraft ausgestattet, dann verändert sich deine Welt. Du kannst anders mit Menschen umgehen, was außen passiert wird dich nicht mehr (wirklich) verletzen können. Es wird dich zum Nachdenken bringen und zur Weiterentwicklung, das ja. Aber du wirst immer wissen, dass egal was im außen noch auf dich zukommt, du in dir immer sicher bist.

Und wenn sich deine Welt verändert, dann verändert sich die ganze Welt. ❤